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Regenschirm und Nähmaschine fehlen

Der Eine kritzelt beim Telefonieren gedankenverloren auf eine Zeitung, der Andere, im vorliegenden Fall ein Schriftsteller, schmiert zur Zerstreuung an den Rand seines Manuskripts. Dass dieses automatische Zeichnen mehr als bloß ein Arbeitsunfall sein kann, zeigt derzeit die dreiteilige Ausstellung „Randzeichen. Drei Annäherungen an den schöpferischen Prozess“ im Literaturmuseum der Moderne in Marbach.

5. April 2010

Anika Meier

Heidelberg

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„Wenn ich so beim Schreiben sitze, mache ich ganz unwillkürlich ab und zu eine kleine Zeichnung“, erzählt Vincent van Gogh seinem Bruder Theo in einem Brief, kurz bevor er sein Theologiestudium abbricht. Und während er Bibeltexte aus einem Religionsbuch herausschreibt, kommen ihm Bilder von Rembrandt in den Sinn. Nachdem er sich im April 1879 sechs Stunden in einem Bergwerk nahe Wasmes aufgehalten hat, beschreibt er seinem Bruder den düsteren Ort, die ausgemergelten Arbeiter und die ärmlichen Bergarbeiterbehausungen. Er verspricht Theo, sich an einer Skizze zu versuchen, damit dieser eine „Vorstellung“ davon bekommt. Bild und Text gehörten für van Gogh zusammen, schon bevor er den Entschluss fasste, Maler zu werden. Bilder und Bücher sprechen „mehr und deutlicher als die Natur selbst“, schreibt er Theo, denn der Künstler lege eine Bedeutung frei und rücke die Dinge in ein neues Licht. Als er schließlich anfängt zu zeichnen, Bergleute und Kohlenarbeiter, schickt er seinem Bruder Skizzen, damit er sich auch hiervon ein Bild machen kann. „Das Zeichnen wird bei mir immer mehr zur Leidenschaft“, gesteht er Theo Anfang der 1880er Jahre, wobei ihm seine erste Leidenschaft, das Briefeschreiben, hilft, sich dieser zu vergewissern, seine Eindrücke zu verarbeiten und nicht zuletzt begleitet diese den Gestaltungsprozess seiner Bilder.

Es gibt neben van Gogh wohl kaum einen Künstler, dessen private Briefkorrespondenz es mit dem künstlerischen Oeuvre aufnehmen kann, bisweilen sogar droht dieses zu überstrahlen. Seit letztem Jahr sind nach fünfzehnjähriger Arbeit am Huygens Instituut die über 900 Briefe van Goghs als Faksimiles samt Skizzen und in Übersetzung mit allen erwähnten Bildern online kostenfrei zugänglich - eine sechsbändige Edition ist ebenfalls erschienen –, und dieses Jahr hat es sich die Londoner Royal Academy zur Aufgabe gemacht, den „wahren van Gogh“, den Künstler und seine Briefe zu zeigen. Sprachliche und malerische Äußerung stehen nebeinander, mal eilt eine Zeichnung oder ein Gemälde der Beschreibung in einem Brief voraus, mal ist da zuerst die Beschreibung und das Bild eilt hinterher und mal findet sich eine Skizze im Text.

Gib mir nur eine Zeichnung

Ein ganz anderer schöpferischer Prozess, ein nicht immer absichtsvolles Zeichnen von Autoren als kleine Zugabe zur Schrift, wird derzeit in der Ausstellung „Randzeichen“ im Literaturmuseum der Moderne in Marbach gezeigt. Die Ausstellung besteht aus einem Werkstattraum von Martin Mosebach, einem Bilderalbum von Justinus Kerner und Randzeichnungen in Manuskripten von Dichtern wie Paul Celan, Hermann Hesse und Rainer Maria Rilke. In einem kleinen Nebenraum beziehungsweise Vorraum werden Zeichnugen Mosebachs – wie auf einem großen Schreibtisch ausgebreitet – präsentiert, im Hauptraum das kuratorisch sezierte Klebealbum Kerners, die Randzeichnungen füllen die Wände der Räume.

Zufällige Begegnung einer Kaffeetasse mit einer Gitarre auf einem Schreibtisch von Martin Mosebach.

Der Büchner-Preisträger Mosebach kommt stellvertretend für die Schriftsteller vergangener Jahrhunderte zu Wort. Im Gespräch mit der Kuratorin Heike Gfrereis berichtet er, dass er zeichne, wenn das Schreiben einmal nicht leicht von der Hand gehe. Mosebach lässt dann den Füller über das Papier gleiten und erlebt ein „lustvolles Gefühl“, wenn sich das weiße Feld in ein schwarzes verwandelt. Wer hat nicht im Mathematikunterricht mehr als einmal die weißen Kästchen schwarz eingefärbt, im ungünstigsten Fall während einer Klausur. Gib mir nur eine Zeichnung, dann geht es weiter in meinem Text, könnte man diese produktive Überleitung paraphrasieren. Mosebach nennt diesen Prozess des willkürlichen Hervorbringens – das Austricksen des ‚horror vacui‘ – „ein Ping Pong zwischen unbewusstem Kritzeln und bewusster Weiterentwicklung“. Das Zeichnen ermöglicht es ihm in das Schreiben hineinzugleiten, der Kopf weiß nicht immer, was die Hand zu Papier bringt: Augen sind zu sehen, immer wieder ein Auge, mehrere Augen nebeneinander, Gesichter, Fratzen, Körperteile – bevorzugt weibliche –, Schneckenhäuser, Musikinstrumente und ein um das andere Mal eine Kaffeetasse. Regenschirm und Nähmaschine fehlen, ansonsten finden sich wie bei den Surrealisten zufällige Begegnungen. Statt absichtsvollem Schreiben bei Mosebach also automatisches Zeichnen, um sich wieder der Textproduktion widmen zu können. Die Randprodukte bewahrt Mosebach auf, da sie ihn „an Stimmungen erinnern“, in denen er gearbeitet hat, „die Kritzeleien am Rande des Schreibens sind Erinnerungen an diesen traumverlorenen Zustand außerhalb der Zeit“.

Spiel mit dem Rand

Mosebach zeichnet auf bereits beschriebene Blätter, auf Briefumschläge, auch auf weiße Blätter, offenbar aber nicht in das eigentliche Manuskript. Das taten die Autoren, deren Manuskripte in einem zweiten Bestandteil der Ausstellung gezeigt werden – nämlich an den Wänden, am Rand von Mosebachs Zeichnungen und Kerners Klebearbeiten. Wie die Autoren so spielen auch die Kuratoren der Ausstellung wunderbar mit dem Rand. Auf den schwarzen Rand der Vitrine etwa, in der Mosebachs Erinnerungsstücke zu sehen sind, sind sieben Antworten von Mosebach auf sieben Fragen abgedruckt, die Ziffern eins bis sieben sind am Rand angeschnitten. Seine Antworten werden damit wiederum zu Randbemerkungen der Randprodukte. Die eigentlichen Randzeichnungen der Schriftsteller läuft man am Rande ab. Wenn man möchte, kann man der dreiteiligen Ausstellung hier einen Vorwurf machen: Sie meint es zu gut mit dem Besucher, möchte ihm zu viel auf einmal zeigen. Man hat den Eindruck im Mittelpunkt stehen nicht nur räumlich die Klebearbeiten von Kerner und fühlt sich plötzlich wie Herkules am Scheideweg: Wohin zuerst, denn eigentlich ist man ja wegen der Randzeichnungen hier; Mosebachs Werkstatteinblick wird zu einem unverzichtbaren Vor‑ oder Nachspiel. Gegenüber Herkules ist man jedoch klar im Vorteil, schließlich kann man beide Wege nacheinander einschlagen.

Der Besucher am Scheideweg: Zuerst zum "Klebemann" Kerner in die Mitte oder an den Rand zu Rilke & Co?

Delacroix vertraute seinem Tagebuch an, dass er beim Schreiben nicht die gleiche Schwierigkeit verspürte, die er darin fand, seine Bilder zu malen. Umgekehrt ist es bei den in Marbach ausgestellten Schriftstellern: Die Schwierigkeiten beim Schreiben versuchen sie vielleicht wie Mosebach zeichnerisch in den Griff zu bekommen oder machen wie van Gogh einfach unwillkürlich kleine Zeichnungen – mit ihm kann es allerdings keiner der Schriftsteller aufnehmen. Zurückhaltend bezeichnete van Gogh seine ersten Skizzen als „Schmierereien“. Man tut Hesse, Rilke, Huchel etc. sicherlich weniger Unrecht als der Maler sich selbst, wenn man in ihrem Fall van Goghsche Bescheidenheit walten lässt.

Punkt, Punkt, Komma, Strich …

... fertig ist das Mondgesicht. Hermann Hesses Verse "O wilde Nächte!" werden beäugt.

Mit einem Augenzwinkern kommentieren die Kuratoren im Wandtext und im Katalog die „lyrischen Gesichter“, wie diejenigen Randzeichnungen genannt werden, bei denen ein inhaltlicher Zusammenhang zum Gedicht hergestellt werden kann: „Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Mondgesicht!“ Eine herrliche, mondgesichtige Fratze schaut tatsächlich auf Hesses Gedicht „O wilde Nächte!“ herab, während ein aus wenigen Strichen bestehendes geflügeltes Wesen unter Rilkes Notiz zur „Duineser Elegie“ schwebt. Dort ist von einer „kleinen Kreatur“ die Rede, vom „Glück der Mücke“, der „halben Sicherheit eines Vogels“ und von der Spur einer Fledermaus, die „durchs Porzellan des Abends reißt“. Nicht einmal mit halber Sicherheit lässt sich sagen, um was für ein geflügeltes Wesen es sich bei der Randzeichnung handelt. Beinahe wie Skizzen zu einem japanischen Manga muten die Gesichter einer beiligenden Zeichnung zum Gedicht „Von Dunkel zu Dunkel“ von Paul Celan an. “Du schlugst die Augen auf“, heißt es dort. „Du schlugst die Augen zu“, müsste allerdings der Kommentar zu den gezeichneten Gesichtern lauten.

„Tintensäue“

In der Mitte des Raumes dann mit den Klecksografien des Dichters und Arztes Justinus Kerners wieder Randprodukte des Schreibens: In den 1840er Jahren beginnt Kerner mit dem Klecksografieren. Zu dieser Zeit ist er aufgrund eines grauen Stars fast erblindet, beim Schreiben tropft deshalb Tinte aufs Papier. Das mit „Tintensäuen“ bekleckerte Papier faltete er zusammen, wobei Bilder entstanden, für Kerner „magische Urbilder“, „Darstellungen wie aus der Kindheit der Urvölker“. Unlängst hat Raphael Rosenberg dem Klappdruck als zufällig entstandene abstrakte Form einen Platz in der Geschichte der „Entdeckung der Abstraktion“ zugewiesen. Ob den Schriftstellern und ihren Randzeichnungen ein ähnliches Glück beschieden ist, ist zu bezweifeln – einen Platz in der Literaturgeschichte haben sie bereits sicher.

Die Ausstellung „Randzeichen. Drei Annäherungen an den schöpferischen Prozess“ ist noch bis 18. April 2010 im Literaturmuseum der Moderne in Marbach am Neckar zu sehen. Zur Finissage am 18. April sprechen F. W. Bernstein und Peter von Matt: „Wenn Dichter zeichnen“.
Zur Ausstellung sind drei Marbacher Magazine erschienen:
Randzeichnungen. Nebenwege des Schreibens (mit Texten von u.a. Ulrich Raulff und Heike Gfrereis), Das Theatrum Mundi des Justinus Kerner. Klebealbum, Bilderatlas und Collagenwerk (mit Texten von Heike Gfrereis und Andrea Fix) und ‚Illustrationen‘ von Martin Mosebach (mit unveröffentlichten Bildern und Texten von Martin Mosebach).

Abbildungen:
DLA Marbach, Mathias Michaelis

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