allerArt
Schreibe einen Kommentar

Künstler-Haustier und Hoteldirektor

Der graue Stuttgarter Osten kann seit Juli letzten Jahres mit dem „Performance Hotel“ als Attraktion aufwarten und mausert sich seither zum Mekka einer alternativen Kunstszene: Im Rahmen des Stadtteilprojekts „Distrikt_Ost“ der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart und der Hochschule der Bildenden Künste Saar öffnete das „Performance Hotel“ in der Gablenberger Hauptstraße 22. Hoteldirektor und Initiator ist der koreanische Konzept- und Performancekünstler Byung Chul Kim. Nach einem Studium der westlichen Malerei in Seoul ist er nun Student an der Stuttgarter Akademie in der Klasse des Medienkünstlers Christian Jankowski.

Im Gegensatz zu den exklusiven Übernachtungen, die Carsten Höller aktuell im Rotterdamer Museum Boijmans Van Beuningen Kunstbegeisterten bietet, genügt in Stuttgart ein Studentenbudget – eine Nacht im „Performance Hotel“ kostet zwischen 3 und 10 Euro. Kostenlos übernachten darf, wer eine Performance darbietet.

Bei Kim nächtigt der Hotelgast zwar nicht im Museum in Mitten von Meisterwerken der Kunstgeschichte, doch die liebevoll gestaltete Villa Kunterbunt mit ihrer improvisierten Einrichtung wird durch die Relikte vergangener Performances, die Mitbringsel der Gäste und die Partizipation diverser Künstler zum Gesamtkunstwerk. In einem kleinen Show Room im Erdgeschoss werden Wechselausstellungen der bei „Distrikt_Ost“ beteiligten Künstler gezeigt. Der Balkon auf der Gartenseite des Hauses dient als Bühne für Performances – die Zuschauer tummeln sich dann gemütlich auf der Rasenfläche. Ein weißgetünchtes Rechteck auf der Rückwand eines Nachbarhauses wird zur Projektionsfläche bei Filmvorführungen. Auch ein Wellness- und ein Fitnessbereich stehen den Gästen zur Verfügung. Vom selbstgebauten Hometrainer aus kann die Videodokumentation der Kimschen Performance „I want to ride my bicycle“ (2009) verfolgt werden: Kim streifte durch die Straßen Rotterdams und bastelte aus intakten Teilen kaputter, zurückgelassener Fahrräder ein neues funktionstüchtiges Rad. Dieses wollte Kim der Königin der Niederlande, die seiner Meinung nach die rechtmäßige Besitzerin der in Rotterdam gefundenen Fahrradteile ist, per Post zustellen. Einen ihr zugedachten Brief, in dem Kim sein Angebot erläutert, hat Königin Beatrix bisher noch nicht beantwortet. Eine weitere Videoarbeit Kims, „Der Kleine Künstler“ aus dem Jahr 2007, ist in einem der Hotelzimmer zu sehen. Im pinken Bad unterhält ein Fernseher, auf dem die 2009 entstandene Arbeit „Künstler“ des Jankowski Schülers Kestutis Svirnelis im Loop läuft, die Toilettengänger, die überdies - bedroht von einer Schere im Bild an der Wand - angehalten werden: „Bitte sitzen“.

Die Kunstakademie Stuttgart hat das Haus von der Stadt angeboten bekommen. Wie ging es weiter?

Ich kam als Hausmeister hierher, es gab zu dem Zeitpunkt noch kein „Performance Hotel“. Ich habe mich gefragt: Wieso bin ich hier? Warum habe ich so ein schönes Haus bekommen? Meine Antwort lautete: Weil du ein Künstler bist und weil du Performances machst. Das Haus war für mich mehr als ein Haus, für mich war es ein Hotel. Immerhin habe ich drei Jahre im Atelier in der Akademie gewohnt. Hier ist alles so schön und groß, und es gibt einen Garten.

Was ist die Idee hinter dem „Performance Hotel“?

Ich habe mir gedacht, dass es schöner wäre, wenn alle Menschen Künstler sind, das ist meine Hoffnung. Ich wollte genau hier anfangen, nur in dem Hotel. Wenn jemand hier reinkommt, wird er sofort ein Künstler ‒ damit er etwas Schönes machen kann. Er soll merken, dass genau das Kunst ist und soll weiter schöne Sachen machen.

Gibt es Spielregeln?

Hier gibt es Regeln, man darf keine gefährlichen Sachen machen: Drogen und übermäßiger Alkoholgenuss sind verboten. Und Personen unter 16 Jahren dürfen nicht alleine in das Hotel. Draußen Rauchen. Wenn Männer und Frauen Fremde sind, müssen sie in getrennten Räumen schlafen.

Wie in der Jugendherberge. Können sie sich an Dir vorbeischleichen oder bist Du sehr streng?

Ich bin sehr streng. Sie können mir aber auch vorher Bescheid sagen, dann ist das kein Problem.

Was hat es mit dem Ausstellungsraum auf sich?

Hier können Künstler ausstellen, die Teil des Stadtprojekts „Distrikt_Ost“ sind. Gerade läuft eine Ausstellung von „Solidarecycling“. Die zwei Künstler von der HBK Saarbrücken haben erst 80 gebrauchte Eimer gesammelt und darauf Logos geklebt. Im Ostteil von Stuttgart haben sie anschließend die Eimer aufgehängt, in die man Pfandflaschen und -dosen werfen kann. Arme Leute oder Pfandsammler können diese mitnehmen. Die Fotos dokumentieren das Projekt.

Wie ist das Preisniveau?

Man kann hier einfach mit wenig Geld hereinkommen, mit drei, fünf oder zehn Euro. Ich dachte mir, dann wird hier etwas passieren: Performances, man kann zuschauen, hier schlafen… Alle Leute, die hier waren, waren zufrieden.

Der Andrang ist sicherlich groß.

Es kommen mehr und mehr Leute her. Bis 22. März bin ich ausgebucht. Ehrlich gesagt ist es für mich schon anstrengend. Ich kümmere mich um die Gäste, organisiere alles und entwickle nebenbei meine weiteren künstlerischen Ideen. Es ist ziemlich anstrengend, aber es macht mir Spaß, ja, es macht mir Spaß. Die Menschen freuen sich und daher bin ich zufrieden.

Kochst Du auch in Deinem Hotelrestaurant?

Für meine Gäste koche ich gerne, allerdings muss man dafür bezahlen. Die Gäste zahlen für die Zutaten und meine Bemühungen kann man wiederum mit einer Performance bezahlen.

Du könntest versuchen, Profit aus Deinem Projekt zu schlagen. In Carsten Höllers Rotterdamer Hotelzimmer im Museum zahlt man bis zu 500 Euro für eine Nacht.

Maximal zehn Leute können hier schlafen, dann ist das Hotel ausgebucht. Wir haben keine zehn, sondern nur vier Matratzen. Das macht 40 Euro. Es gibt noch Schlafsäcke und Liegen. Insgesamt sind das dann 60 Euro. Mir geht es nicht um den Profit, ich will viel lieber dabei lernen, nämlich bei den Performances.

In einem der Räume steht eine Art Fitnessrad.

Ja, es gibt eine Fahrradwerkstatt mit einem Fitnessstudio. Das Fahrrad habe ich wie die anderen Teile auf dem Sperrmüll gefunden, repariert und zusammengebaut.

Wie klappt es mit den Nachbarn?

Es gibt keine Probleme, sie freuen sich.

Dein Hotel hat auch einen Wellnessbereich. Kann man in der Wanne im Garten baden?

Hast du Lust?

Es ist kalt.

Ich kann Dir ein Bad machen. Unter der Wanne wird geheizt, es wird ein Feuer gemacht und dann wird das Wasser heiß. Das ist gut.

Ist dir eine der zahlreichen Performances hier im Hotel besonders im Gedächtnis geblieben?

Eine Lehrerin aus Heidelberg hat hier eine Kochperformance gemacht. Wir haben sehr gut gegessen, sie hat mir ein sehr gutes Gefühl gegeben, so wie in einer Familie. Dieses persönliche Gefühl zu erfahren, das war schön. Jemand hat für mich gekocht, ich durfte probieren, das war einfach schön. Sie hat ein orientalisches Gericht gekocht. Nach der Kochperformance gab es eine Lesung aus einem Buch, das noch nicht erschienen ist. Super! Das konnte man nur hier im Performance Hotel hören. Und danach gab es aus Italien eine Nachtischperformance. Wow!
Alles war ganz spontan. Jemand hat angerufen und gefragt, ob wir Platz zum Schlafen haben. „Ja, kommt einfach her“, habe ich gesagt und gefragt, ob sie eine Performance machen wollen oder bezahlen. Sie sagten mir, dass sie einen Nachtisch mitbringen werden. „Kommt schnell her!“, war meine Antwort am Telefon.

Du nimmst alle Performances hier im Haus mit einer Kamera auf?

Ich nehme alles auf. Die Idee des „Performance Hotels“ richtet sich auch an mich. Ich bin selbst ein Performer. Im Hotel möchte ich weiterlernen. Ich will wissen, was es noch für andere Performances gibt, das auch von Leuten, die eigentlich keine Kunst machen. Das finde ich manchmal viel interessanter als Kunst von Künstlern.
Alles was ich aufnehme, schaue ich mir regelmäßig an und bearbeite das Material. Ich denke dann darüber nach und wenn es gute Sachen gibt, mache ich diese auch nach. Ich verbinde die Performances mit meiner eigenen Kunst.

Was verstehst Du unter Performance? Deine Definition…

Performance ist Revolution. Weil: Performance ist aktiv, Performance ist Bewegung. Performance ist jetzt ‒ ein Anfang. Wenn ich nur hier sitze und die Hände übereinanderlege, ist es keine Performance. Wenn ich jetzt aufstehe, das ist Revolution… gegen etwas, womit ich unzufrieden bin. Das ist Performance.

Bei einem Deiner vorhergehenden Projekte bist Du eine Woche im Schaufenster einer Zoohandlung gesessen und hast Dich zum Verkauf angeboten.

Ja, ich habe mich als Haustier angeboten, als Künstler-Haustier. Es gab Interessenten, Gott sei Dank wurde ich nicht verkauft. Wenn mich jemand gekauft hätte, wäre ich mit nach Hause gegangen und ich ich versucht, mit der Person künstlerische Sachen zu machen, damit diese froh wird. Und dann wäre dieses Haus vielleicht das „Performance Hotel“ geworden.

Das Haus wird im Sommer abgerissen. Hast Du bereits einen neuen Posten als Hoteldirektor in Aussicht?

Ab April gibt es ein neues Projekt. Ich mache eine Traumreise mit dem Zug, das heißt per Performance-Express von Saarbrücken nach Paris und von Saarbrücken nach Luxemburg. Man kann dort umsonst mitfahren, allerdings als Performer.

Informationen über das „Performance Hotel“ sind im Blog zum Projekt zu finden.

 

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>