Alle Artikel mit dem Schlagwort: Rezension

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Alles so schön echt hier. Dietmar Dath und Swantje Karichs „Lichtmächte“

1944 schrieb der amerikanische Filmkritiker Parker Tyler, das Licht habe die Nacht erobert. Der moderne Großstadtbewohner lebt nach Einbruch der Dunkelheit im Wachzustand weiter, nur ohne die Last der Lohnarbeit. Hollywood, das damals noch als pars pro toto für das Kino an sich stand, macht den Tagtraum des Fließbandarbeiter für alle nach Feierabend verfügbar. Das Kino ist darauf angewiesen, dass man ihm eine einfache Geschichte abnimmt: Am Abend gibt es für den Preis einer Eintrittskarte den Traum und die individuellste Wunscherfüllung zu kaufen. Aber auch das Kino, so Tyler, wo der Traum sich nach der Logik der klassischen Hollywood-Erzählung zu richten hat, wo die konventionellsten Emotionen verkauft werden, arbeitet doch nur mit Licht und Schatten. Wenn man Tylers These verkürzen will, kann man sagen: Wer das Licht hat, hat die Macht über den kollektiven Tagtraum. Damals musste man noch ins Kino gehen, um einen Hollywoodfilm zu sehen, Underground-Kino bekam man wahrscheinlich gar nicht zu sehen, außer man lebte in einem der kulturellen Zentren der USA. Heute ist es überhaupt nicht mehr nötig, an einen bestimmten …

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Fass mich nicht an: Abenteuerspielplatz und Wohnlandschaft. Rehberger in Frankfurt

Am meisten Spaß mit der Ausstellung „Home and Away and Outside“ von Tobias Rehberger haben wohl die Museumsaufsichten. In den Räumen der Schirn Kunsthalle in Frankfurt nebenan: „Esprit Montmartre. Die Bohème in Paris um 1900“, rote Wände, das Licht gedimmt, der Besucherstrom schiebt sich rechts und links an den Gemälden vorbei, an den Picassos, van Goghs, Toulouse-Lautrecs, Stille, bewunderndes Schweigen. Bei Rehberger grelles Licht, die Wände und der Boden sehen aus, als würde eine Horde Zebras wild durcheinander laufen und dabei ständig übereinander stolpern, an fast jeder Wand ein oder mehrere Spiegel, in der Mitte des Raumes Bänke und Skulpturen. Vielleicht doch erst einmal in den nächsten Raum schauen? Es wird noch heller, noch greller. An den Wänden statt Gemälden, wie auf Fensterbänken platziert, reihenweise Blumen in Vasen. An der hinteren Wand hängt der „M.J. Timer“, davor stehen ein Tisch und Stühle in Kindergröße. Alice im Wunderland-Feeling kommt auf. Ich frage meine Begleitung, wie die Michael Jackson Uhr funktioniert. Er zuckt mit den Achseln. Von hinten nähert sich eine Museumsaufsicht. 12 Köpfe von Michael Jackson …

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Alle Schönheit will Ewigkeit. Lagerfeld in Hamburg

Man wäre ja gern dabei gewesen, als Karl Lagerfeld mit seiner Entourage durch Südfrankreich zog, um seine Version des antiken Liebesromans über die Findelkinder Daphnis und Chloe zu fotografieren. Lagerfeld im Rolls Royce an der Spitze, im Gefolge seine Lieblingsmodels Baptiste Giabiconi und Bianca Balti, viele Schafe und natürlich Verpflegung und reichlich Champagner. Teuer war der Spaß, ein Privatvergnügen von Lagerfeld. Inzwischen hängen die Fotos auf silber- und goldfarbenes Gewebe gedruckt unter dem Titel „Moderne Mythologie“ in der Hamburger Kunsthalle und bebildern zwei anlässlich der Ausstellung im Steidl Verlag erschienene Publikationen. Lagerfeld teilt sich in der Kunsthalle das Sockelgeschoss mit Anselm Feuerbach. Die Wiesbadener Ausstellung „Nanna — Anselm Feuerbachs Elixier einer Leidenschaft“ ist nach Hamburg gewandert und wurde dort um ein vermeintliches Pendant des Malers in der Gegenwart ergänzt. Eine „Kontrastkoppelung“ – mit Werner Hofmann gesprochen – nennt der Direktor und Kurator Prof. Dr. Hubertus Gaßner das Konzept der Schau. Es gehe um das Verhältnis von Kunst und Mode, um Modelle, um Schönheit und die Frage, ob Mode heute zur Kunst geworden ist. Das Bindeglied zwischen dem Maler und …

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In Farbgewittern. Jonathan Meese in Berlin

Die Berliner Galerie Contemporary Fine Arts vertritt Jonathan Meese zwar nicht mehr, zeigt aber in der Schau „Johnny Come Home II“ Arbeiten des Künstlers aus dem Jahr 2006. Im zweiten Stock der Galerie am Spreeufer hängen Gemälde, fast alle im gleichen Format, und zwei Plastiken sind zu sehen. Was nach Gesamtkunstwerk klingt, ist vielleicht der Wunsch, noch einmal von vorne anzufangen. Die erste Plastik – genauer: Statue – heißt „Dr. No (Meesaint Just II mein ich, die Warheit)“. Das Bronzestandbild zeigt den salutierenden Kunst-Messias Meese heroisch, aber mit zerfließender, rauer Oberfläche. Wie als Komplement steht in einem abgeteilten Raum nebenan „Napoleon“. Ebenfalls in heroischer Pose, mit Zweispitz und wie behangen mit Lumpen, verwirren beide Plastiken doch mit ihrem Naturalismus. Aber die Figuren ähneln denen, die sich auf Meeses Leinwänden finden.     Die Leinwände sehen aus, als wären sie schnell mit Farbe beschmiert worden. Figuren, wie Kinderzeichnungen, versehen mit Parolen in Großbuchstaben, hängen an den Wänden. Wie Reste einer vergangenen Zeit, in der Wörtern wie „total“ und Vorsilben wie „Erz-“ noch ein Heilsversprechen unterstellt wurde. …

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Von Pixeln und Märtyrern. Harun Farocki und Robert Wilson in Paris

In einer schmalen Straße im Osten von Paris liegt, einigermaßen unscheinbar, die Galerie Thaddaeus Ropac. Am Empfangstisch vorbei kommt man im Erdgeschoss in einen abgedunkelten Raum, in dem vier Leinwände von der Decke hängen. Vor jeder Leinwand eine Bank, über jeder Bank ein Lautsprecher, aus dem eine nur für den jeweiligen Zuschauer hörbare Stimme das Geschehen auf der Leinwand kommentiert. Im Dunkeln und von Leinwänden umgeben, könnte man meinen, in eine zeitgenössische Variation der Panoramen des 19. Jahrhunderts geraten zu sein. Aber man hat es hier doch nicht mit der Illusion einer vollständigen Welt zu tun. Statt von einer bemalten Leinwand hat man hier vier Filme von Harun Farocki („Parallele I-IV“) vor sich. Oder genauer: viermal Ausschnitte aus Videospielen und Computeranimationen von Landschaften, Wasser und Wolken.  Auf den ersten Blick scheint es, als habe Farocki sein Material so vorgefunden, wie er es mit nur sparsamen Kommentar versehen zeigt. Aber die Ausschnitte sind doch genau komponiert. „Parallele I“ leistet, was im Film klassischerweise ein establishing shot macht. Die Welt der Handlung, sozusagen der Ort der Erzählung wird abgesteckt. …