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Back to University. Social Media und Bloggen für Kunsthistoriker

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Weil Soziale Medien und das Bloggen im Kulturbereich und in der Wissenschaft keinen guten Stand haben und gerade in der universitären Lehre noch sehr oft keinen Platz haben, unterrichtet Anika ab dem Wintersemester am Institut für Europäische Kunstgeschichte der Universität Heidelberg Social Media und Bloggen für Kunsthistoriker. Wie es dazu kam, hat sie hier aufgeschrieben.

Mitte der 90er Jahre habe ich im nordrhein-westfälischen Wesel das Gymnasium besucht. Der Mathelehrer hieß Thomae, glaube ich. In Mathe war ich natürlich sehr schlecht, meine damaligen Freundinnen, die neben mir im Hufeisen saßen, auch. Das lag an uns und auch ein bisschen an Herrn Thomae. Denn er verbrachte jede Stunde nicht wenig Zeit damit, uns zu erzählen, dass er besser Müllmann geworden wäre, statt jahrelang Mathematik auf Lehramt zu studieren. Um am Ende, ich weiß nicht, wie er das errechnet hat, weniger als ein Müllmann zu verdienen, der eben nicht jahrelang vor sich hinstudieren muss.

Nach der Stunde und zu Hause im Kinderzimmer dachten meine Schulfreundinnen und ich nicht über irgendwelches Wurzelzeug und Primzahlen nach, sondern fragten uns, ob das mit der Mathematik und dem Gymnasium so eine gute Idee ist, wenn beides Herrn Thomae so sehr aufregt. Vielen Eltern gefiel das nicht, sie liefen aufgeregt in Sprechstunden und zu Elternabenden, um sich über Herrn Thomae zu beschweren.

Herrn Thomae jedenfalls bin ich sehr dankbar. Ich wusste jetzt, dass man gut über die Berufswahl nachdenken muss, und dass man Erwachsenen zuhört, die es gut mit einem meinen.

Einige Jahre später war ich Mitglied der Redaktion einer studentischen Zeitschrift für junge Kunstgeschichte und Kunst. artefakt, das heute ein Blog ist, war von 2007 bis 2012 eine Zeitschrift. Für ein Format sprachen wir mit Volontären und Menschen im Kunstbetrieb über ihren Job. Swantje Karich, damals Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung war anlässlich einer Veranstaltung im Kunstverein in Heidelberg. Wir fragten sie für ein Interview an, sie sagte ja. Ein paar Tage später saßen wir mit ihr im Büro des Direktors des Kunstvereins und sprachen über den Beruf des Kunstkritikers. Kunstkritiker, das sei kein Beruf, den sie empfehlen könne, sagte sie, denn schaut doch mal, wie wenige Stellen es für Kunstkritiker in Deutschland gibt. Sehr wenige. Das leuchtete uns ein, besonders mir, der Beruf des Kunstkritikers rutschte sehr weit nach unten auf meiner nicht sehr langen Liste der für mich vielleicht in Frage kommenden Berufe.

Zu artefakt kam ich, nachdem ich am Germanistischen Seminar der Universität Heidelberg eine Übung bei einem Feuilletonredakteur der Lokalzeitung besucht hatte. Er las mit uns viele Zeitungen, erklärte uns die verschiedenen journalistischen Formate und ließ uns Literaturkritiken schreiben, von denen einige gedruckt wurden. Ich durfte Julia Franks „Mittagsfrau“ rezensieren, das Buch habe ich an einem Tag gelesen, am Ende lag ich heulend auf der Couch, die Rezension schrieb ich am nächsten Tag in wenigen Stunden. Es folgte ein Praktikum im Feuilleton der Lokalzeitung, anschließend war ich freie Mitarbeiterin. Ich ging zu Lesungen und zu Pressekonferenzen, las Bücher und schrieb Kritiken. Die richtig guten Themen allerdings gingen an einen Postboten, der schon jahrelang freier Mitarbeiter und offenbar Nebenerwerbsliteratur – und kunstkritiker war. Irgendwann gab ich auf, nicht zuletzt wegen der schlechten Bezahlung. Für einen Text gab es zwischen 15 und 25 Euro. Herr Thomae und Swantje Karich hatten sicherlich sehr recht. Meine Berufswahl jedenfalls wollte ich noch einmal gründlich überdenken. Bei artefakt blieb ich trotzdem. Das Schreiben gefiel mir.

Ich stürzte mich außerdem in die Wissenschaft, war wissenschaftliche Hilfskraft und Seminarbegleiter an der Uni und wissenschaftliche Hilfskraft einer Konservatorin bei den Staatlichen Schlössern und Gärten. Dort ging es den Volontären in meinen fünf Jahren als Hiwi gut, nur volontierten eigentlich alle, auch die Promovierten, in die Arbeitslosigkeit hinein. Zu meinem Abschied schenkte mir meine Chefin, die Konservatorin eine Sanduhr. Ich solle es nicht falsch verstehen, sagte sie, mit den Tränen kämpfte ich trotzdem.

Ich zog für ein Jahr nach Paris, weil ich nach zwei kleineren Stipendien am Deutschen Literaturarchiv in Marbach ein etwas größeres Stipendium für meine Doktorarbeit bekam. Ein Jahr lang war ich Fellow am Deutschen Forum für Kunstgeschichte in Paris, das Jahresthema war „Schweigen – Silence“. Wir waren eine Gruppe von ca. zwölf Doktoranden und Post-Docs und forschten und schrieben so vor uns hin. Alle paar Wochen fuhr ich nach Hause nach Heidelberg, um meinen Hund zu besuchen und am Kunsthistorischen Institut zu unterrichten. Wenn ich in Paris nicht in irgendwelchen Bibliotheken saß, fuhr ich mit dem Rad durch die Stadt und machte mit meinem Smartphone Fotos, die ich auf Instagram teilte. Jeden Tag ärgerte ich mich, dass das Thema meiner Doktorarbeit nicht Handyfotografie, sondern der deutsche Dichter Stefan George war.

Nach meinem Jahr in Paris hatte ich erst einmal genug von der Wissenschaft, die mich auch nirgendwohin zu führen schien – außer natürlich mit Stipendien in größere und kleinere Städte. Ich zog nach Hamburg, ging in der Schanze fast jeden Tag kellnern, bloggte weiter für artefakt, teilte weiter Fotos auf Instagram und las gefühlt alles, was über Instagram geschrieben wurde. Schon in Paris merkte ich, dass es auf Instagram um Vieles ging, nur nicht so sehr um Fotografie. Langweilig, dachte ich. Und begann mit dem, was wir heute unter dem Namen This Ain’t Art School seit drei Jahren machen. Wir nannten es zuerst #juergentellerassignment, weil es genau darum ging, um Juergen Teller. Er, der bekannte deutsche Modefotograf sprach für das System Magazin mit Hans Ulrich Obrist unter anderem über seine Tätigkeit als Professor an der Akademie in Nürnberg. Er erzählte ihm, welche Aufgaben er seinen Studenten gab. Amazing, dachte ich, diese Aufgaben nehmen wir uns jetzt einfach auf Instagram vor. Außer mir hatten offenbar auch ziemlich viele andere Menschen das Gefühl, auf Instagram ginge es zu wenig um Fotografie. In knapp vier Wochen wurden unter #juergentellerassignment über 2.000 Fotos von Teilnehmern aus der ganzen Welt getaggt. jetzt.de schrieb darüber, ich gab Radiointerviews, Blogs wie Dandy Diary berichteten, aber auch Kunstmagazine wie Monopol. Dann wurde ich gefragt, ob ich nicht auch für Monopol schreiben wolle. Und irgendwann fragte mich der Suhrkamp Verlag, ob ich ihnen nicht mit Instagram helfen könne. Beides mache ich noch heute, das eine regelmäßig, das andere, wenn Rat und Hilfe gefragt sind. Und natürlich noch einiges mehr.

Meinen Lebensunterhalt sichere ich aber, wie viele selbstständige Kreative, die ruhigen Schlaf zu schätzen wissen, mit Aufträgen außerhalb des Kulturbereichs.

Manchmal denke ich an Herrn Thomae, wenn mir Bekannte und Freunde von ihren schlecht bezahlten Jobs und Freelanceaufträgen erzählen. Manchmal träume ich nachts vom Kellnern, wenn ich wieder tage- und wochenlang mit einer Kultureinrichtung mein Honorar verhandele – und sehr oft bin ich froh, dass ich über die Sozialen Medien und das Bloggen zu dem gekommen bin, was ich gerne machen möchte: Schreiben.

Weil Soziale Medien und das Bloggen im Kulturbereich und in der Wissenschaft keinen guten Stand haben und gerade in der universitären Lehre noch sehr oft außen vorbleiben, unterrichte ich ab dem Wintersemester am Institut für Europäische Kunstgeschichte der Universität Heidelberg Social Media und Bloggen für Kunsthistoriker. Das ist die Ausschreibung für meine Übung:

„Soziale Medien und Blogs sind nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken – auch nicht aus dem Berufsalltag des gut vernetzten und informierten Kunsthistorikers.

Wie können Kunsthistoriker Blogs und Soziale Medien nutzen? Wie kommunizieren Museen in den Sozialen Medien? Wie entwickeln Kunsthistoriker digitale Strategien für Museen?

Für die Deichtorhallen Hamburg und das NRW-Forum Düsseldorf entwickeln wir gemeinsam das digitale Begleitprogramm zu einer Ausstellung, wir entwickeln Formate und erstellen Inhalte. Bei einem Ausflug in das Städel Museum in Frankfurt erfahren wir in einem Gespräch mit dem Pressesprecher Axel Braun mehr über digitale Angebote wie etwa die digitale Sammlung und Kunstvermittlung im Digitalen. Bei einem Skype-Call wird Mirjam Baitsch, Projektleitung Digitale Kommunikation in der Basler Fondation Beyeler, mit uns über Sinn und Unsinn von Kunst- und Museumsblogs sprechen.“

Fotos: Anika Meier (iPhone)
Anika auf Instagram: @gert_pauly

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