Neues
Schreibe einen Kommentar

Aufgelesen 2016.5: Knirschende Knochen, psychopathische Bäume und nasse Hunde

Screen Shot 2016-02-14 at 21.15.34
Unter dem Stichwort Aufgelesen versammeln wir Fundstücke aus dem Netz. Leseempfehlungen sowie Kurioses über Kunst und fern der Kunst findet hier seinen Platz.

Liest man die Berichterstattung über Gegenwartskunst, könnte man meinen, dass installative Arbeiten einer Berufsgruppe besonders verhasst sind: den Putzkräften. Bei diesen Berichten ist immer die Häme zu hören, Kunst werde einfach nicht als solche erkannt. Das Ressentiment ist übrigens eng verwandt mit dem bekannten Satz „Das kann ich aber auch“. Jedenfalls: In einer Mannheimer Kirche hat eine Putzkraft eine Installation weggeräumt. Wahrscheinlich ein Missverständnis, aber dann doch eine Schlagzeile wert. Zum Glück hat die Titanic weitere Informationen zum Skandal:

Die Aktion, so Mitsuko Alvarez-Gaitzsch, sei Teil ihrer Performance-Reihe „Stupid art needs to be dumped“, die sie bereits in New York, Miami und Basel erfolgreich aufgeführt habe. Nur „these fuckin’ squareheads“ in „this ugly Kurpfalz area“ hätten ihre Aktion mißverstanden, wahrscheinlich könne man dort gute Kunst nicht von schlechter unterscheiden. Mannheims Kulturdezernent Benedetto Nietnagel-Wolff wies die Vorwürfe umgehend zurück, man habe hier ein durchaus aufgeschlossenes und weltoffenes Publikum. Galeristen und Kunstexperten reagierten auf Nachfrage verschnupft, manche bemühten ratlos das Wort „Postmoderne“.

„Postmoderne“ zu murmeln ist dann der letzte Ausweg, bevor man als Banause gilt. Natürlich macht man es aber doch nicht, weil es erstens Unsinn ist, und weil man zweitens als pratentiös gilt. Wobei, „pretentiousness“ bewahrt ja auch vor Langeweile, behauptet zumindest Dan Fox in seinem Buch „Pretentiousness: Why It Matters „. Einen Aufsatz dazu gibt es im Guardian zu lesen.

Sprachhüter beklagen den Verfall der deutschen Sprache. Und das wahrscheinlich schon so lange, wie es Sprache gibt. Das falsch gesetzte Apostroph ist schon lange ein beliebtes Ärgernis, und weil man sich so gerne ärgert, ärgert man sich jetzt auch über das Deppenleerzeichen. Zumindest tut das Matthias Heine von der Welt. Ein Glück also, dass es ein paar gibt, die es besser wissen.

#deppenleerzeichen #deppenapostroph #deutschespracheschweresprache #rechtschreibung

Ein von @deppenleerzeichen gepostetes Foto am

Indes arbeitet Kanye West an seinem persönlichen Gesamtkunstwerk. 2015 hat er seine eigene Modelinie erfolgreich auf den Markt gebracht, die dritte Kollektion ist in Sicht, und gerade ist sein neues Album erschienen. Titel: „The Life of Pablo“. Highsnobiety fragt, welcher Pablo gemeint ist: Pablo Picasso oder der Drogenbaron Pablo Escobar. Wir geben allerdings zu bedenken, dass die Picasso-Referenz schon Jay-Z gehört:

Dass einem bei diesem verzweigten Netzwerk aus Verweisen schwindlig werden kann, ist verständlich. Aber eine Sache noch: Jemand hat sich die Mühe gemacht, die „Simpsons“ nach Filmreferenzen abzusuchen, und das Ganze im Splitscreen zusammenzuschneiden. Toll:


Vergangene Woche ist Roger Willemsen gestorben. Dass der Autor, Fernseh- und Radiomoderator in seiner Rolle als Fernsehintellektueller vielen auf den Geist gegangen ist – geschenkt. Dass er aber Pop, Kritik und Humor gut verbinden konnte, zeigt ein früher Text über Richard von Weizsäcker, erschienen in der Konkret:

Weizsäcker wurde in massenpopulärer Weise gut durch beherzte Kritik am Nationalsozialismus. Nun ist in Deutschland kein Titel so billig zu haben wie der, ein aufrechter Demokrat zu sein, wenn man nur hingeht und – natürlich ohne kritische Verbindlichkeit gegenüber dem eigenen Staat – Hitlerdeutschland kritisiert: „Gewaltherrschaft“, „Unrechtsregime“, „menschenverachtendes System“, „Irrweg der deutschen Geschichte“, eine rhetorische Steigerung des Drastischen wie bei den Titeln von Kung-Fu-Filmen: „Die Killerkralle“ oder „Täglich knirschen Knochen“.

Wenn Clemens Setz aufhören würde, Romane zu schreiben, wäre das eine Katastrophe. Deswegen hoffen wir, dass er nicht allzu viel Zeit bei Instagram verbringt. So oder so, die Volltext hat ein paar Posts von Setz gesammelt, denn der war auf Reisen. In Tscheljabinsk, wo es gerade -14° Celsius sind. Und Clemens Setz hat noch etwas anderes gemacht in den vergangenen Tagen. Er hat sich mit dem ZeitMagazin unterhalten – über Gastritis, Panikattacken und Sodbrennen. Der Kurier derweil macht sich Gedanken über die Verfassung eines anderen Autors: „Ist Thomas Bernhard bei Trost gewesen?“ Und Bento hat auch eine dringliche Frage und ein kleines Ratespiel passend dazu: „Wie gut kennst du dich mit Popliteratur aus?“ Eine Frage daraus: „Solange ich denken kann, habe ich Hämorrhoiden?“ Na, wer war das wohl? Fragen über Fragen, auch Deutschlandradio Kultur hat eine eigentlich ganz gute: „Warum lieben alle ‚Auerhaus‘?“ Wir nehmen jetzt einfach mal das Fazit des Autors Bov Bjerg vorweg: „Also, jeder findet irgendwas anderes.“ So einfach kann es manchmal mit Antworten auf vermeintlich komplexe Fragestellungen sein.

Die Zeit hat sich die Booktuber und Buchbloggerszene einmal genauer angesehen und in der Verlagsbranche ein wenig herumgefragt. Fazit: Buchblogger sind irgendwie wichtig, so wichtig aber dann doch wieder nicht.

Im Guardian fragt man sich derweil, warum Albert Oehlen immer noch nicht anders malt, obwohl er jetzt doch in der Schweiz wohnt und die Natur genießt: „(…) so why do his trees still look psychopathic?“ Tja.

Noch eine weitere berechtigte Frage: „Does your Cat hate you?“ Eine erste Antwort im New Yorker ließ uns aufatmen: „If your cat tapped out a threatening message while strolling across your computer keyboard (‚H8888888u‘), keep in mind that cats can’t spell. In all scientific probability, your cat doesn’t despise you.“ Und für Hundeliebhaber hat ze.tt eine hübsche Bildstrecke und eine Antwort dazu gleich im Titel: „Nein, das sind keine Aliens. Es sind nasse Hunde.“ Ach so. Bei Spiegel Online gibt es eine weniger kuschelige Bildstrecke, es geht um die Wohnkolosse in den Pariser Vorstädte, fotografiert von Laurent Kronental. An einem schönen Fotoprojekt hat auch Jessica Zaydan gearbeitet, die vor langer Zeit einmal in Nick Carter von den Backstreet Boys verliebt war. Zucker. Inzwischen gibt es für ehemalige Fans die Möglichkeit, mit der gealterten Boyband eine Kreuzfahrt zu machen. Mit dem art Magazin hat sie über dieses Erlebnis gesprochen:

Was war Ihr erster Gedanke auf dem Schiff?
Ui, erstens war das ganz wackelig. Es stürmte heftig, als wir in Miami losfuhren. Alles war sehr aufregend: das riesige Schiff mit diesem abgefahren gemusterten Teppichboden in den Gängen, von dem ich auch ein Stück in meiner Ausstellung verwendet habe. Beim Anblick der unzähligen weiblichen Fans, dachte ich erst einmal: ‚Oh Gott.‘ Am Anfang war ich ja noch neutral, ich wollte distanziert beobachten. Doch das wandelte sich ziemlich schnell.

Inwiefern?
Ich wurde auf dieser Kreuzfahrt wieder zum Fan – wie vor 20 Jahren. Ich wollte dabei sein, wollte Selfies machen. Mit den Stars.

Toll. Und das würden zumindest eine Hälfte von uns jetzt gern mit den New Kids on the Block erleben.

Mal eine andere Frage: Was bleibt eigentlich von Popmusik übrig, wenn man fast alles wegnimmt? Diese Frage hat sich Amanda Petrusich für den „New Yorker“ gestellt. In ihren Beispielen ist das wichtigste aber noch dabei: die Stimme der Sänger. Und schließlich funktioniert Popmusik ja gerade wegen des Versprechens, dem Star persönlich nahe sein zu können.


Das Beste haben wir uns für den Schluss aufgehoben. Teju Cole ist zu Gast beim Annotation Tuesday! von NiemanStoryboard, gemeinsam gelesen wurde sein Essay „Far Away from Home Here“. Mindestens so interessant wie seine Anmerkungen zum Essay ist seine Antwort auf die Frage, wie er seine Kolumne „On Photography“ im New York Times Magazine strukturiert:

For “On Photography,” which is usually about 1,500 words, I cannot start unless I have three things that have not been considered next to each other before. It’s the way I bring the three together that makes it my own. For an essay that’s going to be about 4,500 words, for which I’ll probably write 5,500 and then cut, I need to have five or six things I want to say.

Wir lesen uns wieder, wenn wir drei gute Einfälle zu einem Thema haben.

 

Titelbild: Still aus „Picasso Baby“, Jay-Zs Performance mit Marina Abramovic.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *