Die New York Times titelte: „She’s the Hot New Thing in Painting“. Momentan gibt es einen regelrechten Carmen Herrera Boom. Wie sind Sie auf Herrera aufmerksam geworden?
Ich habe die erste Nachricht über Carmen Herrera von der Künstlerin Bettina Blohm bekommen, die wir hier im Museum zweimal ausgestellt haben: einmal als Malerin, einmal als Bildhauerin. Blohm ist zwar Deutsche, sie lebt aber seit über 20 Jahren in New York und ist mit Carmen Herrera befreundet. Sie kennt unser Haus durch die beiden Ausstellungen und ihre zahlreichen Besuche selbstverständlich sehr gut. Irgendwann einmal rief sie an und fragte: „Kennst Du die Künstlerin Carmen Herrera? Ich antwortete: „Nein, warum?“, woraufhin Blohm meinte, sie passe wunderbar in unser Haus und in das Konzept des Museum Pfalzgalerie. Sie sei eine konkrete Malerin, so Blohm weiter, und sie könne sich vorstellen, dass ich ihr Werk interessant fände; sie fragte, ob sie mir Fotos schicken dürfe. Ich habe sie natürlich um die Fotos gebeten und als sie kamen, habe ich sie begeistert angesehen. Es ist ein strenges, klares Werk. Ich habe daraufhin mit meinem Team über die Möglichkeit gesprochen, eine Ausstellung zu machen und alle waren ebenfalls sofort begeistert, da Herreras Arbeiten hier im Museum mit seinem traditionellen Programm Konkreter Kunst sehr gut eingebunden seien. So hat sich der Kontakt ergeben. Blohm hat das Interesse unsererseits an einen Freund Carmen Herreras weitergeleitet, und der wiederum wusste, dass zu diesem Zeitpunkt auch in Birmingham Interesse an einer Ausstellung bestand. Wir haben uns schließlich mit Birmingham verlinkt und gemeinsam dieses Projekt erarbeitet.
Wie kam es schließlich zur Ausstellung?
Wir haben einen intensiven Mailkontakt mit dem Kurator Nigel Prince der Ikon Gallery in Birmingham, die auch ein Museum ist, unterhalten. Prince hat sich sehr intensiv mit Herrera beschäftigt und sie in New York besucht. Er hat uns ihre Arbeiten vorgestellt, so dass wir gemeinsam eine Auswahl treffen konnten. Dann haben wir uns abgestimmt und Autoren für die Beiträge des Katalogs gesucht. Kollegen aus England und Amerika, die mit dem Werk vertraut sind, konnten wir für die Katalogbeiträge engagieren.

In Havanna studierte Carmen Herrera Architektur: In ihrem Frühwerk sind strukturelle und tektonische Formen sichtbar. A City, 1948.
Die Ikon Gallery ist auf einem schon fast komischen Weg auf Herrera aufmerksam geworden. Und zwar erzählte mir Nigel Prince, dass er im Internet nach dem Maler Arturo Herrera recherchiert habe und im Zuge dessen plötzlich auf einen Link über Carmen Herrera gestoßen sei. Er habe diesen angeklickt und sei völlig fasziniert gewesen, weil er mit einer solchen Entdeckung nicht gerechnet hatte.
Herrera Boom
Wie bekannt war Herrera damals und wie wurde ihr Werk rezipiert?
Zu diesem Zeitpunkt gab es eigentlich keinen Boom um Carmen Herrera. Man kann nun nicht sagen, dass sie nicht bekannt war – sie war allerdings etwas festgelegt auf die lateinamerikanische Kunstszene. Es gibt auf Kuba eine sehr intensive Kulturpflege. In diesem Zusammenhang war sie durchaus bekannt. Sie hatte auch schon mehrere Ausstellungen in New York, es wurde sogar in der New York Times zu einem früheren Zeitpunkt bereits über sie geschrieben, aber seltsamer Weise hat es die Welt nicht in gleicher Art zur Kenntnis genommen, wie jetzt das Auftauchen ihres Werkes in Europa.
Der Observer of London zählt die Herrera-Retrospektive zu den zehn wichtigsten Ausstellungen des Jahres.
Interessant ist, dass tatsächlich mit der Ausstellung in Birmingham ein regelrechter Boom ausgelöst wurde und das, weil der Observer die Ausstellung zu den zehn besten des Jahres gezählt hat. Erst danach, nämlich am 20. Dezember, hat sich auch die New York Times zu der Künstlerin geäußert. Die Journalistin Deborah Sontag, die eine Ausstellung von vier kubanischen Künstlerinnen in New York besprochen hatte – Carmen Herrera war eine unter ihnen –, bekam von einem Freund Herreras zusätzliche Unterlagen zu deren Werk und ist begeistert auf die Vita der Malerin eingestiegen.
Mich rief Bettina Blohm an und sandte mir den Artikel der Times unmittelbar zu, und ich gestehe, dass ich ihn in einigen Fällen unseren Pressesendungen beigefügt habe. Ich habe dafür gesorgt, dass der Bericht hier publik wurde, denn es ist ein so außergewöhnlich begeisterter Beitrag. Auch weil die Tatsache, dass eine Künstlerin, keine junge Künstlerin, – also niemand, der ohnehin gehypt wird – es auf die Titelseite der New York Times schafft, schon ein außergewöhnliches Ereignis ist. Das hat uns alle unerhört gefreut und natürlich auch das Interesse der hiesigen Medien an Carmen Herrera geschürt.

Die 94-jährige Carmen Herrera lässt sich vom Medienrummel nicht beeindrucken: Sie macht einfach das, was sie immer schon tat.
Haben Sie mit einem solch überwältigenden Medienecho gerechnet?
Ich habe nicht damit gerechnet. Ich habe gehofft, dass es einige Aufmerksamkeit geben wird, unterstützt durch besagten New Yorker Artikel. Dass es ein tatsächlicher Boom werden würde, habe ich nicht geahnt, nein.
Was ich noch dazu sagen möchte ist, dass es mich besonders freut. Herrera ist eine sehr ernsthafte Künstlerin. Sie ist eine Frau, die ihr Leben lang völlig unerschüttert, ob sie nun im Mittelpunkt stand oder nicht, ihre Arbeit fortgeführt hat. Ich finde, dass darin eine besondere Kraft und eine sehr überzeugende Energie liegt, auch im Blick auf die Geistigkeit, die hinter diesen Arbeiten steht. Dass diese Dinge wahrgenommen werden, die sicher in ihrer optischen Einfachheit, hinter der jedoch ein Konzept der schrittweisen Reduktion steht, mühsamer zu verstehen sind als figurative Malerei, das finde ich hoch erfreulich. Es handelt sich in den Werken, die auf inhaltlich verweisende Momente ganz verzichten, doch immerhin um einen Wirklichkeitsaspekt, nämlich den der Autonomie formaler Elemente beziehungsweise um eine geometrische ‚Destillation‘ aus Farbe und Form.
Überführung in die Reduktion
Herrera sagte: „Only my love of the straight line keeps me going.“ Heute gilt sie als Pionierin des geometrischen Minimalismus. Was macht die besondere Qualität ihrer Arbeiten aus?
Es liegt eine große Qualität in der Widersprüchlichkeit der Arbeiten. Sie arbeitet mit malereiinternen Widersprüchen, zum Beispiel mit einem positiv-negativ Repertoire, bei dem Motiv‑ und Bildgrund nicht mehr eindeutig zu definieren sind. Man kann in ihren frühen Arbeiten durchaus sehen, dass sie auf die Strömungen der Zeit reagiert. Es gibt einige ganz frühe Bilder, in denen deutlich wird, dass sie sich in der Farbigkeit und in der Flächenbewältigung an der Schule von Hans Hofmann orientiert hat.
Bei einem Gemälde, hat man den Eindruck, es sei ein Frühwerk von Arshile Gorky. Eine andere frühe Arbeit von ihr erinnert sehr an Wifredo Lam, einen Künstler der surrealistisch geprägt ist, wobei sie all diese Einflüsse in ihre eigene Handschrift übersetzt dabei aber Schritt für Schritt immer strenger, immer klarer und immer eindeutiger einen eigenen Stil erarbeitet. Man sieht, dass sie nicht andere Malweisen kopiert oder sich allein daran orientiert, sondern sehr kontinuierlich ihr Werk in die Reduktion führt. Zunächst reduziert sie die Form: Aus bewegten Linien werden plötzlich Raster, die vielleicht an die Piktogramme Adolph Gottliebs erinnern, der etwas früher mit den Abstrakten Expressionisten in New York Karriere gemacht hat. Spätere Arbeiten lassen schon sehr deutlich spüren, dass Herrera eine gewisse Prägung in Paris erfahren hat. Das erkennt man am Farbwechsel mit Überschneidung der Linie, wie wir das auch von Joan Miró kennen. Mit dem Fortschreiten der Reduktion wird der Stil Herreras aber zu einer immer eindeutigeren Handschrift. Sie reduziert Form und Farben. Das Werk beinhaltet schließlich nur noch zwei Farben, plus Schwarz oder Weiß. Später finden sich nur noch zwei Farben, aus denen sie Bewegung entwickelt. Herrera wendet Methoden an, die wir heute als Optical Art bezeichnen würden. Sie setzt Linien und Farben so zueinander in Beziehung, dass unser Auge uns vorspielt, ein gerastertes Viereck käme uns entgegen, obwohl die Leinwand tatsächlich flach ist; dies jedoch zehn Jahre vor der eigentlichen Entwicklung oder dem Bekanntwerden der Op Art.
Von diesen Bildern aus geht sie dann einen Schritt weiter und diskutiert in ihren Flächen positive und negative Elemente, die nicht mehr unterscheidbar sind und untersucht damit die Frage nach Figur und Grund – man kann an den Farbflächen schwer ablesen, welche als Motiv betrachtet wird oder ob eine auf die andere aufgetragen ist; die Farbflächen stoßen hart aneinander und bilden sozusagen zwei demokratisch gleichberechtigte Ebenen, also zwei wirkliche Äquivalente. In einer weiteren Phase bringt Herrera diese Frage mit einem Moment der Bewegung in Verbindung. Eine weiße Farbfläche scheint sich vom grünen Grund des Bildes abzuheben, wie ein Blatt, das man umblättert. Dabei kann man ebenso gut sagen, auf eine weiße Fläche sind eine Reihe grüner Dreiecke gemalt. Das ist sehr eindrucksvoll. In einer letzten Entwicklungsstufe, natürlich gibt es immer wieder Überschneidungen und Rückgriffe, haben wir dann die Öffnung der Malerei zur dritten Dimension, indem zunächst die Farbe Weiß durch die Wand ersetzt wird und diese dann plötzlich Teil der Komposition wird. In einem allerletzten Schritt stellte Herrera schließlich auch dreidimensionale, frei tragende Objekte, die wir als Farbskulpturen bezeichnen können, her. Dazu setzt sie zum Beispiel zwei geometrische Figuren, ein „beinahe-Quadrat“ und einen Quader aufeinander und stellt sie in den Raum.
Was hat es mit der Rolle der weißen Wand genau auf sich?
Man muss sich in Erinnerung rufen, dass die Farbe Weiß in ihrem Werk eine wichtige Rolle spielt. Sie macht das, was wir gewohnt sind ,shaped canvases‘ zu nennen: Dort, wo sie eigentlich Weiß malen würde, schneidet die Künstlerin ein Stück Leinwand heraus, welches durch den Blick auf die weiße Wand darunter ersetzt wird. Die Wand ist so in den virtuellen Rahmen integriert und übernimmt die Funktion einer weiß gemalten Fläche.
Inwiefern versuchen Sie diese Entwicklungsschritte in ihrem Ausstellungskonzept aufzuzeigen?
Indem wir einen Rundgang anbieten, von den frühen noch gestisch bewegten Arbeiten über die sich anschließenden Werke, die man mindestens farblich durch warme, weiche Farbtöne in eine kubanische Tradition einreihen kann. Dann gehen wir über die Op Art zu den strengen Arbeiten, konfrontieren im Anschluss noch einmal eine Arbeit, in der Figur und Grund diskutiert werden, mit einem Objekt in einer gleichen Farbe, in dem die Wand die Rolle der Farbe Weiß übernimmt, und gehen über zu den Gemälden, bei denen der Rahmen so mitbemalt wird, dass dem Betrachter deutlich wird, dass hier keine Malerei auf Grund mehr stattfindet, sondern Gründe oder Motive so addiert werden, dass Farbe und Fläche gleich Motiv sind. Im letzten Raum folgt die Bewegung, die wie in der Op Art wieder zur Farbe, zum Motiv und zur Diskussion beider miteinander hinzukommt.
Berühmte Nachbarn
Welche Rolle nimmt Herreras Werk in Abgrenzung zu ihren männlichen Kollegen ein?
Die Unterscheidung zu ihren männlichen Kollegen, die vergleichbar gearbeitet haben ist zunächst die, dass ihre Kollegen bekannt wurden und Carmen Herrera nicht. Ihr Werk wurde tatsächlich absichtlich ignoriert, obwohl die gute Qualität bekannt war. Herrera erzählt in einem Interview die Geschichte einer Galeristin, die sie besucht hatte und die ihr gestand, wie großartig sie ihr Werk fand, ihr dann jedoch erklärte, sie würde ihre Arbeiten trotzdem nicht ausstellen, da es eine Menge Künstlerkollegen gäbe, die ihre Familie ernähren müssten und daher Vorrang hätten. Tatsächlich besteht auch ein Unterschied in der sehr pragmatischen, unheroischen Art mit der Herrera arbeitet. Ihre Kollegen neigen eher als sie dazu, ihre Werke metaphysisch aufzuladen oder zu monumentalisieren.
Kann man sagen, dass Herrera primär in ihrer Rolle als Frau beziehungsweise Ehefrau gesehen wurde?
Ja, sie war mit einem Professor für Sprachen an der Universität in New York verheiratet, ihr Lebensunterhalt war gesichert. Tatsächlich wurde die Frage nach der Qualität ihrer Arbeiten kaum diskutiert, denn die Tatsache, dass sie als wohl versorgte Frau angesehen wurde, verhinderte jegliche Debatte.
Interessant ist aber, dass ihre und die Arbeiten anderer Künstlerinnen in Paris diskutiert und schon 1949 ausgestellt wurden. Während ihrer Zeit dort arbeitete Herrera in Nachbarschaft von Aurélie Nemours oder Sonja Delaunay, die in Paris durchaus Chancen hatten und ihre Arbeiten ebenfalls ausstellten. Diese Künstlerinnen wurden von ihren männlichen Kollegen sehr wohl ernstgenommen, was im New York der 50er Jahre nicht so üblich war. Neben Carmen Herrera betrifft das im Übrigen viele amerikanische Künstlerinnen, so auch Helene de Kooning, die neben ihrem Mann kaum wahrgenommen wurde.
Ein anderes, dramatisches Beispiel hierfür ist auch Lee Krasner, die Ehefrau von Jackson Pollock, die künstlerisch erst nach dem Tod ihres Mannes aufblühte und ihr Werk zur Diskussion stellte. Ich möchte nicht behaupten, dass die Gesellschaft allein die Schuld trägt, denn oft haben sich die Künstlerinnen auch bewusst hinter ihre Ehemänner zurückgezogen. Auch Carmen Herreras vorrangiges Interesse galt nicht dem Ausstellen, aber sie hat eine souveräne Haltung und wo sie angefordert war – das können Sie ihrem ausführlichen Lebenslauf entnehmen –, war sie durchaus in Ausstellungen vertreten. Sie hatte dabei aber nicht das Ziel des großen Durchbruchs vor Augen, offensichtlich wie zahlreiche andere ihrer Künstlerkolleginnen.
Inwiefern war Herreras Zeit in Paris prägend für ihr Werk?
Sie hat mehrere Jahre mit ihrem Mann in Paris gelebt. Die Stadt war damals ja tatsächlich der Mittelpunkt der Moderne. Es gab den bekannten ,Salon Realité Nouvelle‘, in dem wichtige Künstler wie Hans Arp, Yves Klein und zahlreiche andere ausstellten.
Carmen Herrera hat diese Ausstellungen selbstverständlich – sie ist ja eine sehr wache Persönlichkeit –, besucht und diskutierte mit diesen Künstlern, so wie sie auch in New York immer Künstlerfreunde hatte. In diesem Zusammenhang wird gerne auf Barnett Newman oder ihren Freund, der ihrem Werk vielleicht noch näher ist als Newman, Leon Polk Smith verwiesen. Es gibt Artikel, in denen steht, dass ihr trotz dieser berühmten Nachbarn der Durchbruch nicht gelungen sei. Ich glaube hingegen nicht, dass dies als ein Nichtgelingen, vielmehr als ein Nichtwollen zu werten ist, da sie durchaus die Möglichkeit hatte, ihre Kontakte zu nutzen.
Später Ruhm
Warum wurde ihr Werk erst jetzt entdeckt und gewürdigt? Herreras Schicksal ist die fast klischeehafte Geschichte eines verkannten Talentes, das zu später Stunde Genugtuung erfährt. Trägt diese anrührende Lebensgeschichte vielleicht auch zu ihrem momentanen Erfolg bei?
Warum erst jetzt? Ich gehe davon aus, dass wir eine starke Reaktion aufgrund dieses außerordentlichen, umfangreichen und enthusiastischen Artikels der New York Times haben. Das spielt eine große Rolle. Ganz sicher ist auch, dass die Lebensgeschichte sehr rührend ist: Eine geistig muntere Dame von 94 Jahren wird plötzlich wahrgenommen, freut sich richtig darüber und beschwert sich nicht lamentierend: „All die Jahre habt Ihr mich verkannt“, sondern sagt im Grunde: „Fein, nun bin ich da und Ihr auch – mein Werk wird jetzt betrachtet und wahrgenommen.“ Ich finde es großartig, und die beiden europäischen Ausstellungen haben zu der neuen Wahrnehmung ihrer Arbeit beigetragen. Das ist sehr sympathisch: Die ganze Persönlichkeit und das kontinuierliche Weiterarbeiten, das ,sich nicht erschüttern lassen‘ und dann die Entdeckung zu einem Zeitpunkt, zu dem viele Menschen nicht mehr damit rechnen überhaupt noch zu leben – das alles ist menschlich sehr interessant, so dass es stark zur Verbreitung der Geschichte beiträgt.

"Colour is the essence of my painting". Über Jahre entwickelte Herrera einen eigenen Stil, der durch klare Formen und wenige reine Farben besticht. Red White Triangle, 1951.
Ein Grund für ihren Erfolg?
Konkrete Kunst wurde über viele Jahre hinweg immer wieder an unterschiedlichen Orten in Deutschland ausgestellt. In Ludwigshafen legte man früher einen eindeutigen Schwerpunkt auf das Sammeln Konkreter Kunst. Auch hier im Museum Pfalzgalerie wurde sie schon seit Vorkriegszeiten gepflegt, ebenso wurden in Würzburg und Ingolstadt Sammlungen und Museen eingerichtet, die sich der Konkreten Kunst widmen. Kaum hat diese Kunst jedoch eine solche Aufmerksamkeit erregt und ich denke, dass die Lebensgeschichte Herreras dafür ausschlaggebend ist. Wenn Sie Magazine durchblättern, sind es die Geschichten von Stars, die uns bewegen und die unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Vielleicht kann man auch sagen, es ist ganz lustig, wenn dies jetzt mal einer ernsthaften Künstlerin widerfährt.
Sind die lange Nichtbeachtung Herreras und ihre kürzlich medienwirksame Entdeckung symptomatisch für einen von Moden gesteuerten Kunstmarkt?
Bei der Frage würde ich gerne ähnlich antworten. Ich habe das Gefühl, dass es vielen Menschen leichter fällt sich auf Geschichten einzulassen, das spürt man auch, wenn man bei Rundgängen im Museum die Kunstwerke mit Anekdoten verknüpft. Die Geschichten um das Werk herum vermögen die Aufmerksamkeit leichter zu packen, als ein spröder Bericht über Eigenschaften, Kompositionen, Farbe usw. Ich halte dies für menschlich, da wir trainiert sind in menschlichen Zusammenhängen zu denken, insofern spielt die Lebensgeschichte Herreras sicher eine Rolle.
Ein Platz in der Geschichte der Nachkriegsmoderne
Welche Auswirkungen wird die Entdeckung Herreras auf die Geschichtsschreibung der Kunst nach der Moderne haben? Ist eine Revision fällig?
Eine Revision wäre für meinen Geschmack ein etwas hochgegriffenes Wort. Aber ich wünsche mir natürlich, dass mehr Aufmerksamkeit auf die Richtung der strengen Kunst und auf die kontinuierlich arbeitenden Künstler gelenkt wird. Ich finde diese Kunst so wichtig, weil sie mit ihrer Klarheit und ihren Winkelzügen unsere Köpfe öffnet, und weil es Spaß macht, sich in diese Themen hinein zu begeben.
In der Geschichte der Nachkriegsmoderne hat Herrera sicher ihren Platz.
Was leistet die Ausstellung im Museum Pfalzgalerie im Hinblick auf die wissenschaftliche Aufarbeitung von Herreras Werk?
Ein einziges Projekt kann natürlich in dem Sinn oder mit den Möglichkeiten, die wir heute im Museum haben, eine grundlegende Bearbeitung nicht leisten. Es ist ja nicht so, dass wir ein sehr großes Team hätten, das sich über zwei drei Jahre mit einem Thema beschäftigt. Sie sehen das schon daran, dass wir externe Autoren gewinnen mussten. Wir begreifen die Ausstellung als einen Anstoß und eine Einladung.

Die Vielfalt von Herreras Werk drückt sich nicht nur in der Farbe aus: Die Künstlerin findet immer neue Antworten auf die Frage, was ein Gemälde ist. Foto: Gunther Balzer
Natürlich wäre es ausgesprochen erfreulich, wenn sich jetzt zum Beispiel Studenten vorstellen könnten, auch über abstrakte Arbeiten der 50er Jahre nachzudenken und dort ihre Themen zu suchen. Denn das ist ein Feld, in dem man sich auch jenseits von Op und Pop Art durchaus noch Meriten erwerben kann.
Und Ihr Katalog?
Zur abstrakten Kunst gibt es viele Werke, speziell zu Carmen Herrera sind die Publikationen jedoch sehr dünn gesät. Ich hoffe, dass unser Katalog ein Initial bildet.
‚Unsere Amis‘
Wie ist die Ausstellung in das Programm des Museum Pfalzgalerie integriert und an welche Aspekte wollen Sie in Zukunft anknüpfen?
Unser Haus hat drei starke Argumente das Werk Herreras zu zeigen: Das eine ist, dass die Konkrete Kunst schon in ihren Vorkriegsausprägungen hier gesammelt wurde – die Konkrete Kunst ist also fest in unserem Museum verankert. Die Konstruktive Kunst und die Farbfeldmalerei spielen eine Rolle, minimalistische Tendenzen werden hier ebenfalls gepflegt. Ein ganz wichtiges Standbein des Hauses, auf das wir aufbauen, ist die amerikanische Kunst. Es hat immer wieder Ausstellungen mit amerikanischer Kunst gegeben von John Cage zum Abstrakten Expressionismus, mit Werken von Pollock, Motherwell, Poussette-Dart und Adolph Gottlieb. Letzterer wurde zusätzlich als Bildhauer vorgestellt. Dann haben wir – und das ist der dritte Strang, in den auch Carmen Herrera gehört –, mit Helen Frankenthaler, Lee Krasner, Joan Mitchell und anderen selbstverständlich die Künstlerinnen des Abstrakten Expressionismus gezeigt. Insgesamt spielen, wie gesagt, die reduzierte Kunst und auch die Arbeit von Frauen in unserem Haus eine Rolle; dazu haben auch jüngere amerikanische Künstler wie Eric Levine als Bildhauer oder Thomas Brummet mit großformatigen Fotografien sowie viele andere hier ihr Forum gefunden.
Selbstverständlich arbeiten wir in diese Richtung weiter, ganz frisch eröffnet ist jetzt nos amis. Der Titel der Ausstellung spielt mit der Doppeldeutigkeit des Wortes amis: Es heißt einerseits unsere Freunde, andererseits, mit einem Augenzwinkern, heißt es natürlich auch ‚unsere Amis‘. Ein Hinweis auf die amerikanische Tradition in unserem Haus also. Es werden Werke gezeigt, die uns von einem Sammler, der unseren Schwerpunkt amerikanischer Kunst kennt, für zehn Jahre als Leihgabe anvertraut wurden. Auch Ankäufe von Kiki Smith, Kenneth Snelson oder Joan Mitchell haben unser Profil gestärkt. Ebenso hat Phil Sims, der in einer großen Ausstellung gezeigt wurde, Arbeiten hier hinterlassen. Für das Jahr 2011 planen wir wieder eine Ausstellung, die zusammen mit Studenten entwickelt werden soll. Gezeigt werden Werke von Richard Serra. Ich denke, es wird noch lange so weitergehen im Museum Pfalzgalerie.
Die Ausstellung „Carmen Herrera“ ist noch bis zum 02. Mai im Museum Pfalzgalerie in Kaiserslautern zu sehen. Der gleichnamige Katalog wurde von Nigel Prince im Cornerhouse Verlag herausgegeben.






