Interview, Kunsthistoriker im Gespräch
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„Ein Musikvideo ist Kunst über Kunst“. Henry Keazor über Kunstgeschichte und Musikvideos

Welche Bedeutung haben Musikvideos in einer Zeit, in der Fans ihre Lieblingslieder mit Bildern unterlegen und bei YouTube hochladen oder massenweise Videos von Konzerten im Internet kursieren?

Musikvideos haben nach wie vor künstlerisch und kommerziell eine Bedeutung. Das beste Beispiel ist die sehr erfolgreiche Lady Gaga. Durch die Smartphone-Welle kommt allerdings momentan eine neue Form von Musikvideos auf, die man gar nicht mehr als Musikvideos im engeren Sinne bezeichnen sollte. Die App, die Björk für „Biophilia“ hat produzieren lassen, ist zwar ein audiovisuelles Medium, zeugt aber von einem neuen Umgang mit Interaktivität. Damit wird auf den Trend Ich-mache-mir-mein-eigenes-Video reagiert, denn die Individualisierung ist hier integriert. Dinge, die man selbst gefilmt hat, können in der App integriert werden. Es bewegt sich gerade so einiges.

Die Bedeutung von Musikvideos untersuchen Sie in Ihrem DFG-Projekt „Zur ästhetischen Umsetzung von Musikvideos im Kontext von Handhelds“. Wie genau darf man sich das Projekt vorstellen?

Wir haben Dinge antizipiert, die es in der Form noch gar nicht gab, von denen wir aber sagten, das komme demnächst, das ist der nächste Schritt. Deshalb haben wir ein Projekt beantragt, in dem wir davon ausgingen, dass man künftig zwei Arten von Musikvideos haben wird: eine Version für das Fernsehen, den Computer oder die Kinoleinwand und eine adaptierte Version für das Smartphone.

Als das Projekt bewilligt wurde, gab es einen originellen Effekt. Wir befragten Leute in der Branche, wie sie die Lage einschätzen und die gaben uns zu verstehen, dass sich nichts tun werde, da das Smartphone für sie nicht interessant sei. Wir haben aber gesehen, dass um uns herum neue Formen wie Pilze aus dem Boden schossen. Das Projekt konnten wir insofern entsprechend adaptieren, als wir diese Beobachtungen gleich von Anfang an machten, und wir haben dann in der Folge seinerzeit neue Formate wie Apps oder jetzt das iPad aufgenommen. Wir fragten uns, was mit Musikvideos geschehen muss, wenn sie auf einem kleineren Screen funktionieren wollen. Es geht um Fragen wie Schnittgeschwindigkeit und wie Bilder gestaltet sein müssen, damit man sie auch auf einem kleinen Bildschirm noch erfassen kann.

Von der Empirie zu ästhetischen Fragestellungen

Welche Fragen richten Sie als Kunsthistoriker an Musikvideos?

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Musikvideos.

Ich interessiere mich zum einen dafür, wie Kunst in Musikvideos vorkommt. Ein Musikvideo ist Kunst über Kunst. Man setzt sich mit bereits existierenden Kunstwerken auseinander, denkt sie zum Teil weiter, animiert, variiert und adaptiert sie. Und mich interessiert zum anderen die Methodik. Welche Fragen kann ich an ein Bild stellen, ganz gleich, ob es still gestellt oder bewegt ist. Im Musikvideo kommt die Ebene von Musik und Text zum Bild hinzu. Mich interessiert daher auch die Vernetzung und welche Rolle das Bild dabei spielt. Wie reagiert das Bild auf den Text? Wie verändert das Bild den Text?

Sieht man sich die bisherigen Ergebnisse Ihres Projekts an, ist festzustellen, dass es sich um eine Bestandsaufnahme mit dem Schwerpunkt auf den Distributionsmöglichkeiten und technischen Voraussetzungen handelt. Wie werden diese Ergebnisse in ästhetische Fragestellungen eingebunden werden?

Was wir jetzt vorgelegt haben, ist eine Publikation über die Inititalphase des Projekts, eine reine Bestandsaufnahme. Wir wollten sehen, wie der Stand der Forschung ist, welche Methoden und Diskussionen aktuell sind.

Anfang des Jahres fand in Berlin ein Workshop mit den Studierenden der Mediadesign Hochschule statt. Das haben wir doppelt genutzt. Wir haben die Studierenden befragt, um die Nutzersituation geschildert zu bekommen. Wie wird mit einem Smartphone umgegangen? Da die Studierenden dort gleichzeitig Produzenten sind, haben wir versucht herauszufinden, wie stark sie diese Problemstellung bereits auf dem Schirm haben. Und sie bekamen von uns den Auftrag, zwei Versionen eines Videos zu einem Musikstück zu drehen: eine Version für den Großbildschirm und eine für das Smartphone. Dann haben wir uns gemeinsam die Videos angesehen und darüber diskutiert. Die Ergebnisse waren interessant. Im Vorfeld hatten die Studierenden angenommen, dass dies und das auf dem kleinen Display funktioniert, haben dann aber gesehen, dass dem nicht so ist.

In der zweiten Stufe des Projekts befragen wir Leute; wir werden ihnen Videos vorspielen und sie dabei ein Stück weit beobachten. Jetzt wird gezielt die Rezipientenebene in den Blick genommen.

Die rein empirischen Beobachtungen werden schnell nicht mehr up to date sein. Wie wollen Sie die Forschungsergebnisse vor dem allzu schnellen Veralten schützen?

Ein Stück weit kann man das nicht und das ist auch vollkommen okay. Deshalb haben wir die bisherigen Ergebnisse auch online publiziert. Wir haben uns auch zur Aufgabe gemacht, die Entwicklung zu dokumentieren, es ist nicht nur ein reines Nach-Vorne-Arbeiten. Im Nachhinein beklagt man ja immer gerne, dass bestimmte Entwicklungen nicht dokumentiert worden sind. Wir können natürlich immer nur zum status quo arbeiten, finden das aber nicht problematisch, da man nur so den Fortschritt sehen kann. Unser Projekt ist gerade etwas älter als ein Jahr und die Unterschiede sind jetzt schon enorm; es ist spannend, wie schnell sich die Dinge verändern. In unserem Forschungsdesign versuchen wir das abzubilden. Auch wenn sich einige technische Parameter verändert haben oder noch verändern, so werden sich bestimmte ästhetische Parameter jetzt wohl demnächst erst einmal nicht mehr grundlegend verändern.

Fehlervermeidung

Warum sind Musikvideos überhaupt relevant für das Fach Kunstgeschichte?

In Musikvideos wird zum einen Kunstgeschichte rezipiert. Es war immer ein Aufgabenfeld der Kunstgeschichte, die Rezeption der Werke zu verfolgen. Musikvideos greifen auf berühmte Kunstwerke zurück. Der Kunsthistoriker hat die Möglichkeit zu sagen, er kümmere sich nicht darum, das interessiere ihn nicht mehr. Man verliert aber eine wesentliche Facette der Kunstgeschichtsschreibung, wenn man einfach davor kapituliert und sagt, man setze sich mit Musikvideos nicht auseinander.

 

 

Das Musikvideo ist zum anderen natürlich auch selbst eine Kunstform geworden und für mich genuin zum Gegenstandsbereich der Kunstgeschichte zugehörig. Bei der Filmwissenschaft hat die Kunstgeschichte bereits den Fehler gemacht, dass sie die Kompetenz abgetreten hat und jetzt mühsam darum ringt, sich diesen Kompetenzbereich zurückzuerobern. Den Fehler sollte man jetzt nicht schon wieder machen.

Sie arbeiten auch über Kunst bei den Simpsons. Wie reagieren die Kollegen auf Ihre Forschungsinteressen?

Meist werde ich mit einer großen Skepsis begrüßt, in die sich Unverständnis und Herablassung hineinmischen. Wenn ich den Leuten dann aber etwas dargelegt habe, sei es zu den Simpsons oder zu den Musikvideos, sind sie positiv überrascht und sagen, dass sei ja doch alles recht komplex und intelligent. Manchmal sagen sie auch, dass sie es unterschätzt haben und sehen, dass es sich um ein relevantes Forschungsfeld handelt. Das zeigt auch der Umstand, dass wir nächstes Jahr auf dem Kunsthistorikertag eine Sektion zu Musikvideos, Kunstgeschichte und Bildwissenschaften haben.

Woher kommt Ihr Interesse als Kunsthistoriker für Musikvideos?

Ich habe Kunstgeschichte, Germanistik und Musikwissenschaften studiert. Das sind auch die drei Elemente, die in Musikvideos hineinspielen. Man braucht allerdings einen konkreten Anlass, um aus einem persönlichen Interesse einen Forschungsgegenstand werden zu lassen. In Frankfurt war Thorsten Wübbena und wir unterhielten uns anfänglich auf dem Korridor über Musikvideos.

Fanboys also?

Henry Keazor und Thorsten Wübbena über Musikvideos: Geschichte, Themen, Analysen.

Ja, so nach der Art: „Hast Du das oder das schon gesehen, kennst Du das und das?“ – „Ne, das kenne ich auch noch nicht.“ – „Ah, das müssen wir uns mal anschauen.“ Dann wurden die Gespräche immer länger, theoretischer und wir sprachen über Bezüge zur Kunst und Politik. Irgendwann haben wir beschlossen, zum Thema ein Seminar anzubieten. Über das Seminar sind wir zum ersten Buch gekommen. Wir haben nach Literatur gesucht, die wir den Studierenden empfehlen können, es gab aber nur veraltete Sachen aus den frühen 80er und 90er Jahren oder Sachen, die wir unbefriedigend fanden. Aus den Erfahrungen des Seminars heraus, haben wir das Buch „Video thrills the Radio Star“ geschrieben. Wenn einen ein Thema begeistert, lässt es einen nicht mehr los.

Auf die einsame Insel mit Björk

Haben Sie denn auch ein Lieblingsmusikvideo?

Oh, die Lieblingsfrage?

Ja. Die Lieblingsfrage musste abschließend kommen, das konnten wir uns nicht nehmen lassen.

Wenn ich die berühmte einsame Insel ansteuern müsste, würde ich, glaube ich … ja, und jetzt kommt es schon, man denkt, wirklich? Mich begeistern nach wie vor am meisten die Musikvideos von Michel Gondry und von ihm ist mein Lieblingsvideo, was jetzt von mir nicht besonders originell ist, „Bachelorette“ von Björk. Das ist ein tolles Video, das mit dem Text und der Musik wahnsinnig viel macht, Facetten hinzufügt und gleichzeitig auf den Text und die Musik reagiert, ohne diese einfach niederzuwalzen. Das ist ein Video, das ich mir immer und immer wieder anschauen kann.

Nähere Informationen zum DFG-Projekt „Zur ästhetischen Umsetzung von Musikvideos im Kontext von Handhelds“ können der Seite zum Projekt entnommen werden.

 

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