Julia Habich studierte Kunstgeschichte, Angewandte Kulturwissenschaft und Kulturarbeit an der Universität Karlsruhe und Kunstgeschichte, Christliche Archäologie und byzantinische Kunstgeschichte sowie katholische Theologie an der Universität Marburg. Derzeit promoviert sie über den italienischen Reproduktionsstecher Raffaelo Morghen.
Julia Habich war im Zeitraum September 2008 bis Dezember 2009 wissenschaftliche Hilfskraft in der Photothek des Kunsthistorischen Institut in Florenz (Max-Planck-Institut). Wie sie an die Stelle kam und wie ihre Tätigkeit aussah, erklärt Julia Habich im Gespräch mit artefakt. Darüber hinaus sprach sie über den Spagat zwischen Dissertation und Phototheksarbeit sowie über den Reiz des Lebens im Ausland.
Liegt Ihr Forschungsschwerpunkt auf italienischer Kunst oder bewegte Sie etwas anderes dazu, im Kunsthistorischen Institut in Florenz (KHI) zu arbeiten?
Nach meinem Examen absolvierte ich ein fünfmonatiges Praktikum in der Photothek als Stipendiatin des Leonardo-da-Vinci-Programms, einem Programm der Europäischen Union für den Bereich der beruflichen Aus‑ und Weiterbildung. Auf diese Möglichkeit wurde ich durch positive Berichte von Kommilitoninnen am Kunstgeschichtlichen Institut der Philipps-Universität Marburg aufmerksam, wo ich mein Hauptstudium absolvierte. Aus diesem Praktikum ergab sich sowohl die Möglichkeit, als wissenschaftliche Hilfskraft am KHI tätig zu werden, als auch ein Promotionsthema aus dem Bereich der italienischen Kunst.
Was zeichnet den Standort Florenz und vor allem das Institut aus?
Direkt vor Ort gibt es einen hervorragenden Bestand an bedeutender Kunst und Architektur, verschiedene Fachbibliotheken sowie die Biblioteca Nazionale ergänzen den sehr umfassenden Bibilotheksbestand des KHI. Die zentrale geografische Lage und günstige Verkehrsanbindung machen Florenz darüber hinaus zu einem geeigneten Standpunkt für die Italienforschung. Die Stadt liegt an der Bahntrasse zwischen Nord‑ und Süditalien, so dass man schnell innerhalb Italiens reisen kann; außerdem sind die Flughäfen in Florenz, Bologna und Pisa gut erreichbar. Ich konnte bisher sehr gut Studienreisen nach Mailand und Rom, Paris oder London durchführen.
Das KHI zeichnet sich meines Erachtens durch die Menschen aus, die es nutzen und in ihrer Diversität miteinander in Dialog treten. Das Institut zieht sehr viele Kunsthistoriker an, die zur italienischen Kunst arbeiten. Es ist ein sehr belebtes Haus, das von Experten für fast alle Gattungen und Epochen der italienischen Kunstgeschichte frequentiert wird. Das Publikum setzt sich aus Kunsthistorikern aller Generationen und Nationen zusammen, vor allem aus Deutschland und Italien. Wissenschaftler aus Bildungs‑ und Forschungsinstitutionen, aber auch aus Museen und anderen Kulturinstitutionen treffen hier zusammen. Das alltägliche Arbeiten in der Bibliothek und das reichhaltige Programm an Tagungen, Vorträgen, Ortsterminen etc. bieten viele Möglichkeiten zum wissenschaftlichen Austausch.
Hatten Sie vor Ihrer Anstellung am KHI schon Kontakt zum Institut, beispielsweise durch Praktika, oder sind Sie durch ein Stellenangebot auf den Job aufmerksam geworden?
Während meines Praktikums wurde eine Stelle als wissenschaftliche Hilfskraft in der Photothek ausgeschrieben, auf die ich mich bewarb. Zunächst war diese Bewerbung nicht erfolgreich, doch einige Zeit später ergab sich die Anstellung als wissenschaftliche Hilfskraft in einem speziellen Projekt der Photothek – der Katalogisierung der druckgrafischen Studiensammlung. Das Gesamtergebnis des Projektes ist online in der Digitalen Photothek des Instituts im Bereich ‚Druckgrafik’ konsultierbar.
War es für Sie ein besonderer Reiz im Ausland zu arbeiten?
Ja, bezüglich des Praktikums trifft dies zu. Bevor ich nach meinem Examen das Praktikum in Florenz antrat, habe ich meine Wohnung aufgelöst und sogar meine Möbel verkauft. Ich hatte das Bedürfnis nach Freiheit und daher hat mich die Fremde gereizt. Als ich die Stelle als wissenschaftliche Hilfskraft antrat, stand dieser Reiz hingegen nicht im Vordergrund, sondern die Möglichkeit, mich weiter zu qualifizieren. Es reizte mich vielmehr, Arbeitspraxis in der Katalogisierung von Druckgrafiken zu gewinnen und zeitgleich ein aktuelles Forschungsprojekt aus dem Bereich der Druckgrafik aufzubauen.
Wie wichtig ist Italienisch für die Arbeit am KHI?
Das hängt sehr stark von der Tätigkeit ab. Promoviert man zu einem italienischen Thema, ist dies natürlich keine Frage. Das KHI ist eine deutsche Institution im Ausland, daher ist die offizielle Arbeitssprache Deutsch. Für wissenschaftliche Hilfskräfte, die in der Regel ein bis zwei Jahre am Institut mitarbeiten, ist eine grundlegende passive und aktive Beherrschung der italienischen Sprache dennoch erforderlich. Ein Kurzzeitstipendiat hingegen, dessen Thema die italienische Kunstgeschichte tangiert, muss nicht zwingend Italienisch sprechen können und kann sich selbstverständlich auch auf Deutsch oder Englisch verständigen.
Wie kann man sich Ihren Job am Institut vorstellen?
Mein Job am Institut bestand aus zwei Teilen: die Hilfskrafttätigkeit und die Arbeit an der Dissertation. Als Hilfskraft war ich für die Katalogisierung der historischen druckgrafischen Studiensammlung zuständig, diese erfolgt mit dem Computerprogramm HiDA (Hierarchischer Dokumentadministrator); da bei jedem Objekt immer die gleichen Daten erfasst werden – Künstler, Maße, Technik, etc. –, ergibt sich ganz automatisch eine gewisse Routine. Gerade im ersten Jahr machen beispielsweise Gespräche und Literatur, die immer wieder neue spannende Perspektiven auf das Thema eröffnen, die Teilnahme an Kursen und Tagungen, Studien-Kurzreisen oder die Sichtung von unbearbeitetem Bild‑ und Quellenmaterial das Promovieren sehr abwechslungsreich.
Sie schreiben gerade an Ihrer Dissertation. Ließ sich die Arbeit mit der Stelle am Institut leicht verknüpfen?
Verknüpfungen gibt es in meinem Falle reichlich. In meiner Dissertation arbeite ich zu dem italienischen Kupferstecher Raffaello Morghen. Er war als Hofstecher und Akademieprofessor in Florenz tätig; bei der Katalogisierung der druckgrafischen Studiensammlung der Photothek traf ich beispielsweise auf Blätter, die von einem Morghen-Schüler angefertigt wurden. Das Promotionsthema entwickelte ich in thematischer Anknüpfung an das Projekt „Fotografie als Medium und Instrument der Kunstgeschichte“ der Photothek, das sich unter anderem der Untersuchung der Auswirkungen reproduktionstechnischer Entwicklungen auf kunsthistorische Fragestellungen widmet. Raffaello Morghen, der vor allem für seine Gemäldereproduktionen berühmt wurde, verstarb 1833, ungefähr zeitgleich mit der Erfindung der Fotografie. So greife ich dem Projekt der Photothek zeitlich genau voraus und untersuche unter anderem die Auswirkungen reproduktionskünstlerischer Entwicklungen auf kunsthistorische Fragestellungen sowie die Auswirkungen kunsthistorischer Fragestellungen auf reproduktionskünstlerische Entwicklungen.
War Ihre Stelle als wissenschaftliche Hilfskraft so vorgesehen, dass genügend Zeit für die eigene Forschung blieb?
Gemäß dem Arbeitsvertrag war ich als Doktorandin für wissenschaftliche Aufgaben eingestellt, die vorrangig der wissenschaftlichen Qualifizierung im Rahmen meiner Dissertation dienen sollen. Die Arbeitszeit für die Photothek und die Arbeitszeit für die Dissertation ist dabei jeweils halbtags vorgesehen. Während die Arbeitszeit für die Photothek in einen Stundenzettel einzutragen ist, wird die Arbeit an der Dissertation durch einen schriftlichen Forschungsbericht nachgewiesen, der für die regelmäßige Evaluierung des Instituts durch die Max-Planck-Gesellschaft eingereicht werden muss. So wird gewährleistet, dass genügend Zeit für die eigene Forschung zur Verfügung steht, die jede wissenschaftliche Hilfskraft in Eigenverantwortung verwaltet.
Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich berichten, dass ein fester Rhythmus bei der Verwaltung der Arbeitszeit hilfreich ist. Ich teilte meine Arbeitstage in der Regel immer auf die gleiche Art und Weise ein: Am Vormittag arbeitete ich an der Dissertation und am Nachmittag stand ich als Hilfskraft zur Verfügung. Damit blieb mir genügend Zeit für die Arbeit an der eigenen Forschung.
Hatten Sie konkrete Vorstellungen von der Arbeit am KHI?
Dass es insgesamt sehr anstrengend werden würde, sich parallel in beide Arbeitsprojekte profund einzuarbeiten und die Energie langfristig aufzuteilen, war mir im Vorfeld klar. Nach dem Praktikum hatte ich recht konkrete Vorstellungen von meiner Hilfskrafttätigkeit für die Photothek, dennoch war die Einarbeitung in die Katalogisierung von Druckgrafik hinsichtlich des Umgangs mit Serien, verschiedenen Auflagen usw. kniffliger als ich dachte.
Bezüglich der Dissertation sprach ich mit meiner Betreuerin im Vorfeld einen Zeit‑ und Arbeitsplan ab. Meine Vorstellung, dass Dissertationsprojekt nach fünf Monaten Recherche innerhalb eines weiteren Monats gedanklich so verdichten zu können, dass ich es auf fünf bis sechs Seiten klar und überzeugend beschreiben kann, hat sich nicht erfüllt. Dafür brauchte ich deutlich länger. Ich hatte aber auch nicht erwartet, dass sich dieser Durchdringungsprozess bei der konkreten Abarbeitung des Themas als sehr zeitsparend erweisen und dass sich somit wiederum die ungeplante Zeitinvestition rentieren würde.
Kunsthistorisches Institut in Florenz
Das 1897 gegründete KHI ist eine Einrichtung zur Erforschung der Kunst‑ und Architekturgeschichte Italiens, die hier in ihren trans‑ sowie internationalen Bezügen untersucht wird. Seit 2002 gehört das Institut der Max-Planck-Gesellschaft an und wird derzeit von zwei Direktoren, Alessandro Nova und Gerhard Wolf, geleitet. Unter anderem werden am Institut größere lang‑ und mittelfristig angelegte Projekte durchgeführt, deren Themen von der Spätantike bis zur Moderne reichen. ForscherInnen können die Ressourcen des Instituts, vor allem die 300.000 Bände umfassende Bibliothek und eine der weltweit umfangreichsten Phototheken zur italienischen Kunstgeschichte, nutzen.





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