Museen sind nach der Definition des International Council of Museums (ICOM) gemeinnützige, ständige, der Öffentlichkeit zugängliche Einrichtungen im Dienst der Gesellschaft und ihrer Entwicklung, die zu Studien‑, Bildungs‑ und Unterhaltungszwecken materielle Zeugnisse von Menschen und ihrer Umwelt beschaffen, bewahren, erforschen, bekannt machen und ausstellen. Es bedarf etlicher Mitarbeiter, die dafür sorgen, dass diese Forderungen an ein Museum erfüllt werden.
Die Tätigkeitsfelder in einem Museum sind vielfältig, ebenso die Anforderungen an die Mitarbeiter: Budgets müssen verwaltet, Sammlungen betreut und Ausstellungen organisiert werden. Viele Besucher nehmen den Verwaltungsapparat und die Arbeit, die hinter den Sammlungspräsentationen und Sonderausstellungen steckt, oft kaum wahr – ist es doch oftmals alleine das Service‑ und Sicherheitspersonal, mit dem das Publikum in Kontakt kommt.
In einem Vortrag am Institut für Europäische Kunstgeschichte der Universität Heidelberg ging Andreas Blühm, Direktor des Wallraf-Richartz-Museums & Fondation Corboud Köln, auf die facettenreichen Aufgaben eines Direktors eines Kunstmuseums ein. Als solcher gilt es nicht nur eine Sammlung zu präsentieren, sondern auch zu pflegen und durch sinnvolle Ankäufe zu erweitern. Nicht alleine für Ankäufe werden Gelder benötigt, auch Mitarbeiter wollen bezahlt und Ausstellungen finanziert werden. Deshalb ist neben der Verwaltung des Etats auch die Beschaffung von Drittmitteln, also das Auftreiben von Sponsorengeldern, eine wichtige Aufgabe für einen Museumsdirektoren.
„Das Publikum muss immer wieder erobert werden“
Wirtschaftliches Geschick sorgt für die Finanzierung eines Museums, aber Besucher werden durch die Qualität einer Sammlung und – in der heutigen Zeit fast noch wichtiger – durch Sonderausstellungen ins Museum gelockt. Schöne und bedeutende Werke sind nur ein Teil dessen, ihre Präsentation ein weiterer. Gemälde müssen gehängt, Wand‑ und Vitrinentexte geschrieben und Führungen geplant werden. Selbstverständlich kann diese Aufgabe nicht alleine vom Direktor bewältigt werden, sondern nur mit Hilfe eines eingespielten Teams erreicht werden.
„Ausstellungen mit Emotionen und dem Ergebnis, dass Besucher interessierter und schlauer aus dem Museum gehen“, ist das selbsterklärte Ziel Blühms. Mit einer einzelnen gelungenen Ausstellung ist das nicht getan: „Das Publikum muss immer wieder erobert werden, das ist die Aufgabe eines Museums.“
Die Qualität von Ausstellungen in Museen wird nicht nur anhand der Exponate deutlich, sondern zeigt sich auch durch ihre Präsentation und die Nutzungsmöglichkeiten sowie Ausstattungen der Räumlichkeiten. Auch die Frage der Beleuchtung und Präsentation spielt für die Benutzerfreundlichkeit und die Qualität einer Ausstellung eine entscheidende Rolle. Nachdem im Wallraf die gewöhnlichen Glühbirnen durch neue Glühbirnen ersetzt wurden, traten selbst einige Experten an die Museumsführung mit der Frage heran, ob die Gemälde restauriert worden seinen? Selbst kleine Änderungen können demnach eine große Wirkung erzielen und beim Betrachter Faszination auslösen.
Mit Krimi und Chauffeur ins Museum
Für Andreas Blühm sollten „alle Museen immer auch nach dem Gesichtspunkt der Benutzerfreundlichkeit ausgerichtet werden. Das gilt nicht nur für bequeme Sitzbänke und gut lesbare Beschriftungen, sondern auch für die Art und Weise der Beleuchtung und selbst für die Begründung von Ankäufen“. Auch spricht sich Blühm dafür aus, dass das Publikum ein Museum nicht nur besucht, sondern auch benutzt. Ein gewöhnlicher Besuch sei nach dem Besuch beendet und hinterließe oft wenig mehr als das Gefühl, da gewesen zu sein. Die Nutzung gehe hingegen weiter und führe ins praktische Leben: „Nutzer eines Museums finden dort Kunstwerke, die ihnen im Leben weiterhelfen und ihre kreativen und kommunikativen Fähigkeiten weiterentwickeln“ – eine Aussage, die Joseph Beuys in Hinblick auf den von ihm geschaffenen „erweiterten Kunstbegriff“ wohl sicher unterschrieben hätte.
Im Wallraf-Richartz-Museum wird eben diese Benutzerfreundlichkeit angestrebt. Dabei sollen Aktionen wie ein Shuttle-Service für Senioren oder ein Museumsbus für Schulklassen, einen Anteil leisten. Auf der Fahrt im Museumsbus für Schulklassen wird ein vom WDR produzierter 15-Minuten-Krimi gezeigt, in dem Mitarbeiter des Wallrafs als Verdächtige mitwirken und in Kunstwerke eingebunden werden.
Der „Wohnzimmer-Topos“
Wie der Heidelberger Linguist Marcus Müller kürzlich in einer Feldstudie erhob, bewerten viele Betrachter Kunstwerke nach persönlichem Geschmack und ihrer individuellen Auffassung von Ästhetik. Auf die Frage, ob dem Betrachter ein gezeigtes Werk gefalle, hätten viele in ihrer Antwort darauf Bezug genommen, ob sie es sich in die eigene Wohnung hängen würden. Andreas Blühm sieht in dieser Herangehensweise der Kunstbetrachtung und –beurteilung kein fundamentales Problem:
„Ein alter Chef von mir sagte mir einmal, als ich einen Ankaufsvorschlag so gut fand, dass ich es mir sehr wohl ‚übers Sofa‘ hängen würde, dass dieses Bild dann nicht angekauft werden könne. Auf meine verblüffte Reaktion antwortete er, dass dieses Bild nicht gut genug fürs Museum sein könne, wenn ich es zuhause ertragen würde… So radikal denke ich nicht. Der häusliche Geschmack ist immer die Basis, und dagegen ist gar nichts einzuwenden. Schade nur, wenn dieser Geschmack nicht durch vielfältigen Kunstgenuss neue Impulse erfährt.“
Augenblicke entscheiden: Schauen oder weitergehen
Aktuelle Studien machen deutlich, dass Museumsbesucher in der Regel sehr schnell ein persönliches Urteil darüber Fällen, ob etwas für sie interessant ist oder nicht. Ausstellungsbegleitende Wand‑ oder Vitrinentexte werden nur selten komplett gelesen, meist werden sie nur überflogen. Der Besucher entscheidet binnen weniger Augenblicke, was ihn interessiert und was nicht. Dies gilt auch für das Betrachten und Verweilen vor Kunstwerken. Andreas Blühm spricht in diesem Kontext von der Praxis des „Zappens“: ähnlich wie vor dem Fernseher werfen Besucher nur einen kurzen Blick auf das Objekt und wenden sich schnell dem nächsten zu. Auf die Frage, ob man auf diese Weise einem mitunter komplexen Werk überhaupt gerecht werden könne, antwortet Blühm:
„Das ‚Zappen‘ soll natürlich nicht das Ziel sein, aber in jedem neuen Saal, den man im Museum betritt, sieht man gleichzeitig eine Fülle potentiell wichtiger und komplexer Bilder. Manche davon sollten den Zapper zum Innehalten bewegen können. Das Zappen zu verhindern, ist aber unmöglich.“
„Zappen“ lässt sich nicht vermeiden, birgt aber dennoch die Gefahr, dass Kunstwerke durch das Reduzieren auf einen rein ästhetischen Wert zu kulturellem Fast-Food werden. Ein Diktat kann und soll Besuchern allerdings nicht auferlegt werden, wie Andreas Blühm ausführt: „Wie die Besucher (oder Nutzer!) der Kunst begegnen, ist ganz und gar die Sache der Besucher. Wir können nur Hilfestellungen leisten und Appetit auf mehr als ein Fast-Food-Erlebnis machen.“
Ohne Promotion ins Museum? Warum denn nicht …
Wie aber kommt man nach dem Studium in die Lage, Museumsbesuchern solche Hilfestellungen anbieten zu können? Um den Weg ins Museum zu schaffen, wird im deutschsprachigen Raum meist eine Dissertation vorausgesetzt. Blühm sieht die Frage nach Qualifikation ähnlich wie sie im angelsächsischen Sprachraum verstanden wird:
„Wir haben es hier in der Tat mit einer deutschen Tradition zu tun. Ich halte sie nicht für sehr zeitgemäß. Die Qualifikation als Forscher sollte mit der Magisterarbeit oder dem Master bewiesen worden sein. Wer in der Wissenschaft bleiben möchte, soll promovieren, wer Jugendlichen etwas über Kunst beibringen möchte, dem steht die Promotion eher im Weg. Von mir aus muss man nicht promoviert sein, um in einem Museum zu arbeiten, selbst nicht als Kurator! Große Museumsdirektoren im Ausland haben keinen Doktortitel und sind dennoch anerkannte Fachleute.“
Den Studierenden stehen ungeachtet dieser Ansicht dennoch vor der Entscheidung, ob sie sich in ihren Abschlussarbeiten spezialisieren oder sich möglichst breitgefächert orientieren sollten. Beide Varianten haben Vor‑ und Nachteile, je nachdem welche Anforderungen an einen Bewerber gestellt werden. Sucht ein Museum einen Fachmann auf einem bestimmten Gebiet, hilft eine Spezialisierung weiter. Wird jedoch ein breites Wissen und eine umfassende Orientierung vorausgesetzt, ist es von Vorteil ein breit angelegtes Thema bearbeitet zu haben. Einen allgemeingültigen Ratschlag zu erteilen, scheint daher wenig sinnvoll.
Der Kunsthistoriker als „Alles-Könner“
Neben den bereits angesprochenen Aufgaben eines Kunsthistorikers, der im Museum arbeitet – besonders eines Direktors –, nannte Blühm in seinem Vortrag weitere „Berufsfelder“. Da für die Verwaltung finanzielle Über‑ und Weitsicht von Nöten sind, erklärt sich die Verknüpfung mit dem Berufs eines Managers, Buchhalters und eines Politikers. Außerdem gilt es als Logistiker für den reibungslosen Ablauf bei Leihgaben zu sorgen, die es zusammen mit den anderen Exponaten zu schützen und zu hängen gilt. Somit ist ein Museumsdirektor auch Sicherheitsexperte, Versicherungsexperte und Installateur. Befinden sich die Werke nun im Museum, werden Führungen vorbereitet, die Vernissage geplant und Texte für den Katalog geschrieben: der Kunsthistoriker demnach als Pädagoge, Eventmanager/Entertainer und Schriftsteller. Diese Tätigkeitsbereiche decken jedoch immer noch nicht das Spektrum eines Museums‑ beziehungsweise Ausstellungsleiters ab, so dass man von einem modernen „uomo universale“ sprechen könnte.




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