Kunst(geschichte) studiert


Es rauscht und knallt

29 Künstler, 26 Beiträge – der Heidelberger Kunstverein gibt erstmalig Kunststudenten die Möglichkeit, unter dem Titel „Übermorgenkünstler“ auszustellen. Inspiriert wurde der Titel der Ausstellung durch das in die Zukunft weisende Dubai.

20. November 2009

Benedikt Fahrnschon

Redaktion

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Immer wieder ist zu lesen, dass Dubai seiner Zeit voraus sei, daher wird es auch als „Übermorgenland“ bezeichnet. Aus 264 eingesandten Bewerbungen wählte die Jury, bestehend aus Johan Holten, Ulrike Lorenz von der Mannheimer Kunsthalle und Reinhard Spieler, 26 Beiträge aus, die die Räumlichkeiten des Kunstvereins bespielen dürfen.

Noch vor Betreten des Ausstellungsraums hört man ein permanentes Rauschen, das alle paar Sekunden von einem lauten Knall übertönt wird. Das Knistern rührt von einem Plattenspieler her, dessen Nadel über eine gravierte Aluminiumplatte läuft. Über einem mit Wasser gefüllten Becken in Form des Bosporus hängt ein Draht, der mit einem kleinen Generator verbunden ist. Ein zweiter mit dem Generator verbundener Draht befindet sich im Becken, so dass sich in kurzen, regelmäßigen Abständen ein Funken lautstark ins Wasser entlädt. Bosporus stammt von drei Künstlern, die sich J.A.K. nennen. Hinter dem Kürzel „J.A.K.“ verbergen sich die Stuttgarter Studierenden Jang-Young Jung aus Südkorea und der Deutsche Andreas Geisselhardt sowie Kestutis Svirnelis aus Litauen. Die Installation um den Plattenspieler ist von Tobias Rehberger-Schüler Martin Flemming, Student an der Städel-Schule Frankfurt.

Der symbiotische Druck von Normann Kaiser.

"Der symbiotische Druck" von Normann Kaiser.

Beim Betreten des Kunstvereins wird sodann deutlich, dass Malerei nicht das bevorzugte Medium der „Übermorgenkünstler“ ist. Die Halle des Kunstvereins ist fast frei von Gemälden, Objektkunst dominiert. Gleich ins Auge sticht Normann Kaisers „Der symbiotische Druck: Zwei aus Keramik geformte zusammenhängende Totenköpfe lassen an Köpfe eines siamesischen Zwillingspaares denken. Auch mag man zunächst aufgrund des Motivs an Damien Hirsts „For the Love of God denken. Allerdings unterscheidet sich „Der symbiotische Druck von Hirsts mit Diamanten besetztem Platinabguss deutlich, auch wenn teilweise hochwertiges Material im Werk zum Einsatz kommt: Einer der beiden Schädel hat, im Gegensatz zu seinem Pendant mit schiefen Zähnen, ein mit Goldzähnen ausgebessertes Gebiss, so dass trotz der Verschmelzung der beiden Köpfe die Individualität hervortritt. Die Individuen werden durch einen Riss in der Mitte der Verbindung weiter getrennt – der Direktor des Kunstvereins, Johan Holten, spricht aufgrund der Geschichte, die man sich zu dem Werk vorstellen mag, von einem „narrativ aufgeladenen Objekt“.

Der Begriff des „narrativ aufgeladenen Objekts“ lässt sich nicht nur auf dieses Ausstellungsstück anwenden: Jasmin Werner ließ in einer Holzwerkstatt in der Heimat ihrer Mutter, den Philippinen, eine Büste von König Philipp Ⅱ. von Spanien anfertigen. Neben der Skulptur des Namensgebers der Philippinen befinden sich Familienbilder, ausgedruckte E-Mails und Geschichtsbücher oder abgelaufene Personalausweise. Die verschiedenen Objekte erzählen die Geschichte hinter der Büste und stellen das eigentliche Herz des Kunstwerks dar.

Zwei Werke der Ausstellung stehen vor allem durch das verwendete Material in der Tradition Joseph Beuys‘: „O.T. (Hund auf Decke)“, besteht aus einer grauen Decke und einem Papier, auf dem ein mit wenigen Strichen angedeuteter Hund zu sehen ist. Auch der Zeichenstil, sprich die Art zu abstrahieren, lässt an Beuys denken. In Sachen Material erinnert auch Elisabeth Becker stark an den nicht immer unumstrittenen Künstler; Beckers nicht betitelte Arbeit ist eine Art Turm aus übereinander gestapelten Wachsbahnen.

Razmis Beitrag in "Christo-Manier"

Razmis Beitrag in "Christo-Manier"

Auch die gebürtige Hamburgerin und Halb-Iranierin Anahita Razmi lehnt sich mit ihrem Beitrag an einen bekannten Künstler an, nämlich Christo. Razmi reichte den Vorschlag für ein Projekt in Teheran ein, und zwar den Azadi-Turm zu verhüllen. Seit der Iranischen Revolution 1979 trägt der Turm seinen heutigen Namen, der soviel wie „Freiheitsturm“ bedeutet. „Proposal for a wrapped Azadi Tower (Project for Teheran)ziert die Plakate und Flyer der Ausstellung.

Eine Mischung aus Aktions‑ und Videokunst präsentieren Marco Schmitt und Florian Klette von der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Während Schmitt zwei Künstlerikonen, Michael Jackson und Jackson Pollock, verschmelzen lässt, indem er als Pop-Titan verkleidet und dessen Tanzstil nachahmend Pollocks Art des Malvorgangs, dem „colour dripping“, ausführt, tanzt Klette sprichwörtlich nach der Pfeife des Kurators.

Jackson meets Pollock in Marco Schmitts Playing Jackson Pollock

Jackson meets Pollock in Marco Schmitts "Playing Jackson Pollock".

Ob die Ausstellung ebenso wie das „Übermorgenland“ Dubai ihrer Zeit voraus ist, wird sich zeigen – spannend ist das Konzept der Ausstellung schon heute.

Die Vernissage zur Ausstellung findet am 20.11.2009 ab 19 Uhr im Heidelberger Kunstverein statt. Dort ist die Ausstellung vom 21.11.2009 bis 14.2.2010 zu sehen. Das Begleitheft kann auf der Homepage des Heidelberger Kunstvereins heruntergeladen werden.

ein Kommentar

  1. ioana herbert am 21. November 2009

    klasse! :D

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