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Mr. Pickup und Mrs. Sporty treffen sich in der Fußgängerzone. „Besser scheitern“ in Ingelheim

basketball

In einem Baum hängen oder einfach nur vorm Friseursalon: Es stimmt nicht, dass es in Kleinstädten nichts zu sehen und nichts zu tun gibt. Dass es zum Beispiel viele Möglichkeiten zum Scheitern gibt, zeigt eine Ausstellung in Ingelheim, die die großen Namen der Videokunst in dem Ort am Rhein versammelt, den man sonst wegen des dort ansässigen Pharmaunternehmens kennt. Eine Geschichte über das Scheitern in Zeiten des optimierten Menschen. 

„Was soll das hier?“, fragt mich eine ältere Dame mit Gehstock in der Hand, friseurfrischer Kurzhaarfrisur und ratlosem Gesichtsausdruck, während ich mich im Reisezentrum der Deutschen Bahn neben sie setze. „Was meinen Sie?“ Hilfe suchend schaut sie mich an und zeigt auf ein Ladengeschäft uns gegenüber. „Was kommt da rein?“ Eine Woche sei sie im Krankenhaus gewesen, erzählt sie. Und als sie entlassen wurde, war der Laden im Bahnhof plötzlich weg, wo sich die Schulkinder mittags immer Brote gekauft haben. Ein Vierteljahr sei das nun her. Sie wirkt besorgt. Jetzt bin ich ratlos, denn wie soll ich ihr erklären, dass es dort erst einmal keine Brote für Schulkinder geben wird? In das leerstehende Ladengeschäft ist für einen Monat das Informationszentrum der Internationalen Tage Ingelheim eingezogen. Ich erzähle ihr etwas über Kunst, die ein paar Wochen lang in ihrem schönen Ort zu sehen sein wird. Sie weiß offenbar nicht recht, was sie mit dieser Information anfangen soll und schaut deshalb einfach weiter hinüber zu dem ehemaligen Laden, in dem gerade eine Pressekonferenz stattfindet.

14 Videos von internationalen Künstlern sind auf verschiedene Orte im Zentrum der Stadt verteilt, deren Namen man eigentlich nur in Verbindung mit dem dort ansässigen Pharmaunternehmen nennt. Walldorf kennt man wegen des Softwareherstellers SAP, Ingelheim wegen Boehringer. Die Stadt am Rhein mit ihren 25.000 Einwohnern hat gerade eine „Neue Mitte“ bekommen. Ein neues Zentrum, das der Innenstadt, wie man der Homepage von Ingelheim entnehmen kann, „ein neues Gesicht gegeben“ hat: „Sie lädt ein zum Einkaufen, Ausgehen und Flanieren.“ Das neue Gesicht von Ingelheim sieht aus, wie Gesichter von Städten, die keine besonders großen Städte sind, eben so aussehen. Es gibt ein großes Einkaufszentrum mit einem sehr großen Supermarkt, einem C&A, einem Drogeriemarkt Müller und mit Ärzten, Apotheken und Optikern. Und was man eben sonst noch so braucht. Auf diese Neue Mitte ist jetzt auch ein Großteil der Arbeiten verteilt, die Teil der Ausstellung „Besser scheitern“ sind. Eigentlich finden die Internationalen Tage Ingelheim seit 1983 im Alten Rathaus statt, aber da das gerade saniert und erweitert wird, hat man sich etwas anderes einfallen und ein Ausstellungsprojekt der Hamburger Kunsthalle in den Süden von Deutschland wandern lassen. Statt White Cube mit Bezahlschranke nun also der öffentliche Raum und eine Reihe von Videos, die 2013 nicht in Hamburg zu sehen waren.

Stehaufmännchen

Der Startpunkt der Ausstellung ist die Wartehalle des Bahnhofs. Dort also, wo auch die Besucher von außerhalb ankommen. Mainz ist knapp 15 Minuten mit der Bahn entfernt, nach Frankfurt sind es 45 Minuten, zum Flughafen etwas weniger. Und wer sich auf die Deutsche Bahn verlässt, scheitert mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit mindestens einmal vor der Ankunft in Ingelheim. Wer nämlich den Anschluss in Frankfurt verpasst, sitzt eine Stunde am Bahnhof und muss sich selbst um ein Programm zur Überbrückung der Wartezeit kümmern. In Ingelheim derweil ist für Unterhaltung gesorgt, sollte sich der Nahverkehr verspäten. An die Wand gegenüber des Wartebereichs in der Bahnhofshalle werden einige kurze Videos des Niederländers Bas Jan Ader projiziert. Er hängt an einem Baum und fällt irgendwann in einen Bach, weil er sich nicht länger halten kann, er balanciert mit einem Stuhl auf einem Dachfirst und kugelt irgendwann vom Hausdach, weil er das Gleichgewicht verliert oder er stürzt mit seinem Rad in eine Amsterdamer Gracht, weil er absichtlich das Wasser ansteuert. Sein Scheitern ist vorprogrammiert, denn an einem Baum kann man schließlich nicht ewig hängen. Im Actionfilm ist der spannendste Moment immer, wenn es darum geht, ob Held oder Anti-Held in die Tiefe stürzen oder nicht. Bei Bas Jan Ader stellt sich nur die Frage, wann er denn fällt. Die englischen Titel seiner Videos „Fall“ oder auch „Broken fall“ denken das Scheitern – fail – gleich mit. Wer fällt, scheitert. Wer fällt, kann aber, zumindest meist, wieder aufstehen. Der Mensch als Stehaufmännchen.

Chaos zu Chaos

Ein Zitat von Samuel Beckett aus dem Jahr 1983 ist titelgebend für die Ausstellung gewesen: „Alles seit je. Nie was anderes. Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.“ Ohne Scheitern geht es nicht und wenn das Scheitern schon dazugehört, muss man es eben besser machen als beim letzten Mal. Aus dem Scheitern lernen. Das kann man sich vornehmen, klappt aber nicht immer, wie die Arbeit „Mr. Pickup“ von John Pilson zeigt – entstanden in den Jahren 2000 und 2001. Ein Angestellter in seinem Büro versucht das Aktenchaos auf seinem Schreibtisch zu bändigen. Es könnte so leicht sein. Einfach einen Ordner nach dem anderen in ein Regal stellen. Nur will der Angestellte zu viel. Er möchte mindestens 10 Ordner auf einmal tragen, was natürlich nicht klappt. Immer wieder fällt alles auf den Boden, aus der Unordnung wird immer mehr Unordnung, Chaos zu Chaos. Irgendwann verliert er einen Schuh und man weiß gar nicht so genau, warum überhaupt. Und dann zieht er sich auch noch seinen Gürtel aus, um damit die Ordner transportieren zu können, was natürlich nur dazu führt, dass die Hose rutscht. Das Leben, es stellt den Menschen vor lösbare Probleme.

It’s a match: Mr. Pickup und Mrs. Sporty

Pilsons Mr. Pickup ist ein moderner Sisyphos in Zeiten des optimierten Menschen. Der Mensch, er soll heute noch schneller, noch gesünder und noch besser werden. In der Neuen Mitte von Ingelheim wird ein paar Meter weiter für Mr. Pickups zeitgenössisches Gegenbild geworben. Mrs. Sporty lächelt mit verschränkten Armen und herausforderndem Blick den Flaneuren zu. „Alles neu für deinen Trainingserfolg!“ Steht in großen pinken Buchstaben auf dem Plakat, das für das Angebot eines Fitnessstudios wirbt. Selbst das DIS Magazine, das Kuratorenteam der diesjährigen Berlin Biennale, wo die Kunst nicht mehr von der Post-Gegenwart zu unterscheiden ist, hätte sich das nicht besser ausdenken können. Fehlt nur noch der Stand mit den grünen Detox Smoothies. Stattdessen folgen auf dem Weg vom Bahnhof zum Kunstverein eine Apotheke, zwei Geschäfte für Hörgeräte, ein Blumenladen, zwei Optiker und ein großer Dönerladen, der auch Frühstück anbietet. Gekochte Eier, frische Croissants. Lecker.

Hello Mrs. Sporty. Was die Neue Mitte in Ingelheim auf der Suche nach dem optimierten Menschen zu bieten hat.

Nicht ohne eine Kleinstadt

Überhaupt sind die Orte der Ausstellung ihre eigentliche Stärke. Marina Abramovics ikonische Arbeit „Art must be beautiful, Artist must be beautiful“ läuft in einem Container gegenüber von einem Friseursalon in Dauerschleife. Abramovic kämmt und kämmt und kämmt, ächzt und stöhnt, während die Mitarbeiter des Friseursalons mit ausdruckslosen Gesichtern hinter dem Tresen stehen und hinüber zum Container schauen. John Baldessari bringt in einem Blumenladen einer Pflanze das Alphabet bei, Thorsten Brinkmann gibt im Museum der Kaiserpfalz in seinem Video „Se King“ Karl den Großen, wie ihn Helge Schneider nicht besser hätte parodieren können. Er nennt sich Karl Schrank von Gaul. Und Tracey Emin erzählt im Jugendzentrum Yellow den Jugendlichen, die dort ihre freien Nachmittage verbringen und schon Minuten vor Öffnung auf der Bank sitzen und darauf warten, endlich wieder Billard und Basketball spielen zu können: „Why I Never Became a Dancer.“ Emin verbrachte ihre Jugend in dem englischen Badeort Margate. Da so ein Leben in der Kleinstadt nicht viel zu bieten hat, standen auf ihrer Tagesordnung Sex und Tanz. Als Teilnehmerin eines Tanzwettbewerbs wurde sie von den anwesenden Männern als Nutte beschimpft. Ihre Erfahrungen erzählt sie aus dem Off und tanzt und tanzt. Tänzerin wurde sie nicht, aber eine der wichtigsten weiblichen Künstlerinnen. Scheitern mit Erfolg also. Für die Jugendlichen sicherlich eine wichtige Erkenntnis.

GIF me more

An anderen Orten in der Neuen Mitte sorgen die Videos zumindest für Lacher. Ein Schauspieler stürzt immer und immer wieder von einer Treppe, weil Christoph Schlingensief aus dem Sturz des Schauspielers bei den Proben zu „Die Berliner Republik oder der Ring in Afrika“ ein Video gemacht hat, das jetzt über der Rolltreppe in einer Einkaufspassage in Dauerschleife läuft. Mit der Rolltreppe fährt man entweder darauf zu oder davon weg. Heute hat die kurze Sequenz etwas von einem GIF, das man für einen kurzen Lacher und ein Like der Freunde und Follower in den sozialen Medien teilt.

Zurück am Bahnhof. Im Wartebereich sitzen jetzt vier Jugendliche mit dem Rücken zum Ladengeschäft. Sie schauen von ihren Smartphones auf, weil einer von ihnen die anderen wissen lässt, dass da gerade ein Mann an einem Baum hängt. Die anderen drei drehen schnell ihre Köpfe Richtung Video. Sie lachen, als Bas Jan Ader in den Bach fällt und schubsen sich gegenseitig lachend an, als er kurz darauf mit seinem Rad ins Wasser stürzt. Dann ist es vorbei mit ihrer Aufmerksamkeit. Alle richten ihre Augen wieder auf die Smartphones in ihren Händen.  Was die Jugendlichen nicht wissen ist, dass der Protagonist des Videos verschollen ist. Bas Jan Ader stach 1975 mit seinem Boot in See. Von Massachusetts aus sollte es Richtung England gehen. Der Radarkontakt brach drei Wochen nach Reisebeginn ab, das Wrack seines Schiffes wurde vor der Küste von Irland entdeckt. Für die Kuratorin Brigitte Kölle steht der Künstler Ader auf tragische Weise für das Thema der Ausstellung. Und Bas Jan Ader hat mit seinen humorvollen Stürzen noch etwas anderes gezeigt: Dass wir früher oder später alle am Leben Scheitern. Ob absichtlich oder unabsichtlich.

Bildergalerie zur Ausstellung

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Der Bahnhof ist der Startpunkt der Ausstellung. Vom Wartebereich aus kann man das Video von Bas Jan Ader sehen.

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Die Rolltreppe im Einkaufszentrum bringt die Menschen dem Video „Siegfrieds Sturz“ von Christof Schlingensief näher.

„Art must be beautiful, Artist must be beautiful“. Marina Abramovic kämmt sich in einem Container gegenüber von einem Friseursalon ihr Haar.

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Im Treppenhaus des Sebastian-Münster-Gymnasium ist das Video von Annika Kahrs zu sehen. Ein Streichquartett spielt ein Stück von Ludwig van Beethoven. Nur tauschen die Musiker nach jedem Satz ihre Instrumente und Plätze. Schiefer geht nicht.

ingelheim

Mehr German Gemütlichkeit als Neue Mitte in Ingelheim.

blumenladen

Im Blumenladen bringt John Baldessari einer Pflanze das Alphabet bei.

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Der Reiter von Ingelheim oder auch: Thomas Brinkmann als Karl Schrank von Gaul.

jugendzentrum

Im Jugendzentrum Yellow ist das Video von Tracey Emin zu sehen. Sie erklärt: Why I Never Became a Dancer.

hund

Im Kunstverein wird gerade eine andere Ausstellung gehängt. Direkt über der Treppe läuft das Video von Guy Ben-Ner.

Die Bildnisse von Susanne Ritter sind noch bis 23. Juli im Kunstverein Ingelheim zu sehen.

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Eine Tür am zentralen Platz in der Neuen Mitte.

 

Die Ausstellung „Besser scheitern“ ist noch bis 14. Juli 2016 in Ingelheim am Rhein zu sehen. Alle Informationen finden sich auf der Homepage zum Projekt. Dieser Beitrag entstand im Rahmen einer Bloggerreise nach Ingelheim. 

Titelbild: Jugendzentrum Yellow
Alle Fotos: Anika Meier

3 Kommentare

  1. Pingback: Gut gelungen: besser scheitern! – Kulturtussi

  2. Liebe Anika,
    nun weiß ich nicht, ob wir alle 7 Schritte zur Bloggerbeglückung berücksichtigen konnten, aber Dein Beitrag hat mich überzeugt. Herzlichen Dank für diesen gelungenen Essay, der die Kleinstadt, die Kunst, das Leben, die Leute, das Scheitern in den Blick nimmt. Hat Spaß gemacht.
    Stefan

  3. Pingback: Kunst und Öffentlichkeit – „Besser Scheitern“ in Ingelheim | ART[in]CRISIS

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