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Kommst Du mit in den Alltag? Eine Zeitung für die Generation Instagram von Stephen Shore

Der amerikanische Fotograf Stephen Shore produziert neue Arbeiten ausschließlich für Instagram. Das sei auf unbestimmte Zeit sein Schwerpunkt, sagt er, wenn man von ihm wissen will, womit er sich aktuell beschäftigt. Er fotografiert die Blumen im Garten seiner Frau in New York und den Boden, steinig, ausgetrocknet, matschig, zugefroren, wenn er mit seinen beiden kleinen Hunden Annabelle und Wally Gassi geht. Täglich postet er ein Foto.

In den 70er Jahren brachte er die Farbe in die Fotografie, gemeinsam mit William Eggleston und Joel Meyerowitz. Damals galt Farbfotografie als vulgär und der große Fotograf Paul Strand war sich sicher, dass wahre Gefühle nicht in Farbe übermittelt werden könnten. Shore ließ sich nicht beirren. Auch dann nicht, als seine Ausstellung American Surfaces, der ein Road Trip vorangegangen war, nicht gut angenommen wurde. Er hatte einfach Kodak Prints in Postkartengröße mit Tesa an eine Wand in einer New Yorker Galerie geklebt. Not cool, befand die Kritik. Und heute ist es irgendwie genau wie damals. Die Kunstsachverständigen spotten: Was will ein gestandener Fotograf wie Stephen Shore auf Instagram zwischen all den Selfies, Katzen und nochmal Selfies?

Vor fast genau einem Jahr habe ich Shore zu Hause in New York angerufen, um mit ihm über Instagram zu sprechen. Ein paar Wochen später sprach er in London erstmals öffentlich über das soziale Fotonetzwerk. Seit Anfang Februar läuft im C/O Berlin die Retrospektive von Shore, an deren Ende Instagram steht. Nicht gedruckt, sondern digital. Es hängen keine Prints an der Wand, die Besucher können sich über ein iPad durch seinen Account klicken. Vielleicht damit auch die Leute verstehen, was es mit dem sozialen Fotonetzwerk auf sich hat und wie es funktioniert, die selbst weder ein Smartphone haben, noch auf Instagram aktiv sind.

@stephen.shore auf Instagram.

Das Vorstellungsvermögen all derer, die noch nie in die App gesehen haben, reicht auch nach über 5 Jahren noch nicht weiter als: 400 Millionen Menschen posten täglich 80 Millionen Selfies mit Duckface, niedliche Katzenfotos, ihr Frühstücksei und ihre Füße am Strand. Ach ja, Kim Kardashian, Taylor Swift, Selena Gomez und ein paar Modebloggerinnen sind auch noch da. Die einen zeigen ihren wohlgeformten Hintern, die anderen halten Produkte in die Kamera und bekommen dafür ganz furchtbar viel Geld.

Auf seinen Road Trips durch Amerika hat Shore in den 70er Jahren jedes Bett fotografiert, in dem er geschlafen hat, jede Mahlzeit, die er gegessen hat, jede Person, die er getroffen hat und jede Toilette, die er benutzt hat. Für das Monopol Magazin habe ich vor einem Jahr aufgeschrieben, was Shore an Instagram interessiert. Ein Auszug aus meinem Text:

„Die Schnappschuss-Ästhetik der frühen 70er-Jahre ist für Stephen Shore die Verbindung zu Instagram, wie er mir bei unserem Telefonat zwischen New York und Hamburg erzählt. Für die Serie Mick-o-Matics fotografierte er mit einer Plastikkamera mit einem Mickey-Mouse-Kopf, die Linse befand sich in der Nase, die Filme entwickelte Kodak in einem Labor. Damals habe er sein Interesse für die Unmittelbarkeit des Mediums entdeckt. ‚Mich interessierte eine Art von Fotografie, die vergleichbar ist mit visuellen Notizen. Ich wollte etwas festhalten können, ohne gleich ein komplexes Foto machen zu müssen. Ein Teil von mir interessiert sich für diese visuellen Notizen. Und ich glaube, das gilt für viele Menschen.‘

In den 70ern brachte Polaroid die SX-70 auf den Markt, mit der man kleine quadratische Fotos machen konnte. ‚Die Leute benutzten die Kamera damals ähnlich verspielt, wie sie heute Instagram nutzen. Ich mag diese Verspieltheit. Und ich mag das öffentliche Gespräch der Community.‘ Er folge nicht vielen Leuten. Die Zahl halte er bewusst klein, damit er sich täglich alles ansehen könne. Seiner Familie folge er und Freunden, die meisten posten nicht viel und Instagram habe für sie nichts mit Kunst zu tun, sagt er.“

Und jetzt, 2016 macht er wieder kleine quadratische Fotos. Nicht analog, sondern digital. Letztes Jahr hat Shore ein Projekt mitbegründet, das die Fotos aus dem Digitalen ins Analoge holt. Vor ein paar Wochen ist die erste Ausgabe von Documentum erschienen. Die Beschreibung zum Projekt liest sich so:

„Documentum is a guest-curated periodical archiving and examining the cultural ephemera of our time. Volume 1 examines the phenomenon of Instagram through the eyes of artists, writers and cultural thinkers“.

Blättern in Documentum, bis die Finger schwarz sind.

Documentum ist eine Zeitung und in etwa so umfangreich wie eine Ausgabe der New York Times oder der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, eine fast gewöhnliche Zeitung eben. Die Absicht ist, das Flüchtige des sozialen Fotonetzwerks zu transportieren, indem man ein gedrucktes Medium wählt, das den Anschein erweckt, tagesaktuell zu sein. 27 Fotografen haben Arbeiten beigesteuert, darunter Shore selbst. Jeder von ihnen durfte einige Zeitungsseiten mit Bildern füllen, mal ein Bild oder nur zwei auf einer Seite, mal viele kleine Bilder, als hätte jemand Instagram auf Zeitungspapier ausgedruckt.

Haha (New York, NY)

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Ausgewählt wurden hauptsächlich Fotografen, die wie Shore ihren Alltag dokumentieren. Und plötzlich stellt sich eine eigenartige Gleichförmigkeit ein. Wenn man es nicht besser wüsste, würde man denken, Shore selbst hätte die Zeitung im Alleingang mit seinen Bildern bestückt. Justin Graefer / @jaundon, Marvin Heifermann / @whywe look oder Heather Sten / @heathersten, lauter kleine Shores. Vielleicht sind die beteiligten Künstler einfach stark von Shore und seiner Bildsprache beeinflusst, die die nachfolgenden Generation von Fotografen geprägt hat und das heute immer noch tut. Blättert man durch Documentum sieht man nicht die Art Fotografie der Instagram Community, die die Ästhetik des sozialen Fotonetzwerks geprägt hat: alles weiß, alles schön, alle stehen herum oder springen vor Wänden. Die Fotografen in Documentum dokumentieren wie Shore in den 70ern und heute ihre Umgebung und ihren Alltag. Nach wie vor ist das Banale das Besondere, das Bildwürdige. Und jetzt fragt man sich tatsächlich, ob stimmt, was oft gesagt und noch öfter befürchtet wird: Hat Instagram die Fotografie verändert und entwertet? Oder hat sich einfach nur das Medium geändert, das die Bilder zu uns bringt?

Zum Projekt gibt es einen Instagram-Account, den regelmäßig Fotografen, Künstler und Autoren übernehmen und bespielen. Die zweite Ausgabe der Zeitung ist bereits in Arbeit und für Sommer 2016 angekündigt. Ein Thema gibt es auch: The Literary Issue. Dazu heißt es: „In issue two of the Instagram Series, Documentum and its guest curators will examine the serious play that is taking place on Instagram in the literary and text-with-picture-space.“ Serious Play, so war kürzlich in der New York Times ein Text des Kunsthistorikers, Fotografen und Autors Teju Cole überschrieben, in dem es um Stephen Shore, Dayanita Singh, Gueorgui Pinkhassov, David Alan Harvey und Laura El-Tantawy auf Instagram ging. Cole schrieb in seinem Text:

„These photographers pursue an exquisite balance between a sense of freedom and the steady burn of an obsession. They make their Instagram pictures largely with phone cameras but with a pictorial intelligence similar to what they bring to their more formal work. Why do they do this? Why do they try to get it ‚‘right,‘ even in this most informal setting? Because there is, despite the noise, an audience worth reaching on Instagram; because sometimes, for an artist, the urge to make work isn’t easily quelled, even when the work is play, even when the work is unpaid.“

Fotografie darf Spaß machen, auch Fotografen, die sonst damit nicht wenig Geld verdienen, in bedeutenden Museen hängen oder in bedeutenden Sammlungen vertreten sind. Freilich, man kann Instagram als „Spaß-und-Gratis-Rampe“ abtun und als weiteren Zeitfresser ignorieren. Dann sieht man aber nicht, wie Instagram für Fotografen wie Ryan McGinley zur Spielwiese und zum Experimentierfeld wird, wie ich vor einiger Zeit in meinem Blog über Kunst und soziale Medien im Monopol Magazin schrieb.

@jaundon for @documentum.tv #docutakeover

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Documentum kann über die Homepage zum Projekt bestellt werden und ist auf 1000 Stück limitiert. Kosten: 25 Dollar. Die Retrospektive von Stephen Shore im C/O Berlin läuft noch bis 22. Mai 2016. Eine Review zur Ausstellung von mir findet sich hier und eine These zu dem, was Stephen Shore da eigentlich auf Instagram macht. 

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