Interview
Schreibe einen Kommentar

Zombies wie wir. New Scenario im Interview

HOPE_Promo_Image_4

Der Zombie ist unser ständiger Begleiter. Soziologen finden, wir seien die arbeitsamen Zombies des Spätkapitalismus, Politikwissenschaftler sehen eine zombifizierte Demokratie, während Medienwissenschaftler von einer Zombifizierung alter Technik sprechen — Geräte, die noch funktionstüchtig sind, fristen ein Schattendasein im Keller. In der Popkultur ist der vom Zombie ausgehende Lustgrusel ein alter Bekannter. Eine Variation der Zombie-Apokalypse haben Paul Barsch und Tilman Hornig – gemeinsam als  New Scenario unterwegs – in 360° an der Technischen Universität Dresden inszeniert, Titel „HOPE“. Im Gespräch erklären die Künstler, was daran politisch ist, und welche Freiheiten extreme Szenarien bieten. 

Bei “HOPE” hattet ihr eine Doppelrolle als Künstler und Kuratoren.
Genau, „HOPE“ ist wie eine Gruppenausstellung angelegt. Wir wurden von der Kuratorin Gwendolin Kremer angefragt, ob wir etwas für den Ausstellungsraum der Uni entwickeln wollen. Die haben sich wahrscheinlich vorgestellt, dass wir nur etwas in diesem Raum machen. Aber wir haben lieber das ganze Setting genommen — also die Technische Universität Dresden, und zwar mit dem Twist, dass da eine Zombie-Apokalypse stattfindet. Wir haben dann Spezialisten engagiert, die die 360°-Fotografie machen konnten. Die eigentliche Produktion war eine ziemliche Herausforderung und hat ein halbes Jahr gedauert, mit drei, vier Shootings in der Woche.

Wie habt ihr dann die Arbeiten ausgewählt?
Wir haben Arbeiten ausgewählt, die unserer Meinung zum Thema und auch zu den jeweiligen Räumen passen. In den klassischen Uni-Räumen wie Mensa, Bibliothek oder Hörsaal haben wir dann die Kunstwerke inszeniert, aber jeder Raum hat auch ein eigenes kleines Metathema. Einige der Künstlern haben ihre Arbeit an das Setting angepasst. Jon Rafmans Video gehört in seine Reihe “Dream Journal”, ist aber genau auf den Raum zugeschnitten, und der Grundriss des Raums kommt darin auch vor.

Jon Rafman hat ja auch eine Vorliebe für postapokalyptische Szenarien. Überhaupt treffen bei “HOPE” zwei Dinge zusammen — Uni und Untote. Da geht der Teenie-Horrorfilm im Kopf schon direkt los. Aber was bedeutet das denn: Zombies in der Hochschule?
Deswegen fanden wir Jon Rafman auch passend. Das Zombie-Genre ist wieder populär, und in der sogenannten Krise gewinnen postapokalyptische Settings an Relevanz. Die Leute fangen wieder an, sich auf den Weltuntergang vorzubereiten — das ist eine ganze Bewegung, die Preppers. Es gibt also durchaus diese aktuelle gesellschaftliche Komponente, an die wir anknüpfen. Wir wollten ein Szenario schaffen, das extrem ist, aber auch so frei wie möglich. Eine Attentatssituation zum Beispiel wäre zu real gewesen. Die Zombie-Apokalypse lässt sich filmisch oder theatral denken und in ihrer Künstlichkeit lassen sich viele Themen verhandeln. Um die Inszenierung zu unterstreichen, sieht ja alles absichtlich etwas gestellt aus. Es geht auch um den medial inszenierten Ausnahmezustand.

Zombies sagen also auch etwas über unsere Gesellschaft und unsere Medienumgebung aus?
Ja. Daniel Keller beschäftigt sich in seinem Vortrag auch mit so etwas. Er nennt das Meme Magick. Das setzen die Alt-Right und 4Chan-Trolle ein, um die öffentliche Meinung zu manipulieren. Und diese rechtspopulistischen Memes erinnern auch ein wenig an untote Bilder.

Reality-TV ist — neben Horrorfilmen — noch ein Format, das man als Millenial aus dem Fernsehen kennt. Mit “Residency” habt ihr auch so eine Serie gemacht. Worum geht es da eigentlich?
Anstatt in dieser kleinen Hütte auf dem Berg einfach eine Ausstellung zu machen, haben wir dort eine Künstler-Residency eingerichtet. Man sieht ja selten den Prozess der einer fertigen Ausstellung vorangeht.

Und da ist es jetzt umgekehrt — der Prozess ist das Ergebnis.
Den Prozess haben wir jeden Tag aufgenommen und das Video direkt online gestellt. Auf der Website kann man neben den täglichen Videos zusätzlich einen Ordner mit Fotos der Ausstellungsdokumentation herunterladen.

Der Ort ist ja interessant. Auf der Website stehen genau die Koordinaten. Dann gibt es dieses Intro, das ein bisschen an Twin Peaks oder an erhabene Landschaftsmalerei erinnert. Hat das nicht auch was mit Romantik zu tun?
Auf jeden Fall! Wir haben die Hütte extra so theatralisch dargestellt, mit 2K Drohneuaufnahmen und einem minimalistischen Soundtrack, während der Rest mit dem Handy gefilmt und mit generischer Musik unterlegt wurde. In der böhmischen Schweiz hat auch Caspar David Friedrich gemalt. Und nun ist das ein Erholungsgebiet — wo in der Nebensaison wenig los ist. Eine Resi- dency ist ja immer so etwas besonderes, aber was passiert eigentlich währenddessen? Alle Teil- nehmer müssen sich irgendwie arrangieren, irgendwie Kunst machen, haben Spaß, kochen, trin- ken. Bei uns hat das prima funktioniert. Alle haben sich prächtig verstanden. Außerdem gab es kein vorher festgelegtes Ergebnis, deswegen haben wir dieses Projekt auch mit einem Augen- zwinkern genommen, auch als Kommentar auf den ganzen Residency-Zirkus, den man als Künstler mitmachen muss. Wir hatten vorher 300 Bewerber, und die Auswahl war schwer. Da tut es einem Leid, Leute mit einem guten Portfolio abzulehnen.

Die meisten eurer Arbeiten sind aber im Browser zu sehen?
Die Ausstellungen sind so konzipiert, dass sie nur über die Online-Plattform angesehen werden können. Bei “Residency” konnte man aber tatsächlich zur Eröffnung gehen. Da kamen auch einige aus Prag, Berlin und Dresden an diesen abgeschiedenen Ort. Bei “HOPE” gab es als Kompromiss noch eine interaktive Präsentation der Webausstellung im Ausstellungsraum der Uni.

Ich frage mich, was das bedeutet, wenn wir Kunst nur noch im Browser betrachten. Wir müssen dann nicht mehr ins Museum gehen.
Viele Museen zeigen ja mittlerweile ihre Sammlung online. Als vor zehn Jahren Second Life ein Trend war, haben die Museen begonnen, dort auch ihre virtuelle Präsenz aufzubauen. Das war ein richtiger Hype aber nun interessiert es niemanden mehr. Auch viele spätere Online-Ausstellungen haben versucht, den White Cube nachzubilden. Wenn man aber etwas im virtuellen Raum macht, gibt es natürlich viel mehr Möglichkeiten. Wir wollen die Dinge dann auch anders machen, schauen, wie kann eine Ausstellung noch gemacht werden, wenn man nicht mehr so sehr an den physischen Raum gebunden ist. Auch in Hinblick auf den Betrachter. Die eigentliche Erfahrung, ins Museum zu gehen bleibt nach wie vor relevant, aber in einer Online-Ausstellung kann man eine andere Erfahrung haben — in Umgebungen, die man sonst gar nicht erfahren könnte, wie bei “Body Holes”.

Viele zeitgenössische Museen verstehen sich zunehmend als Ort für politischen Diskurs. Dafür bleibt das Museum als Ort ja sehr wichtig.
Das wird auch nicht obsolet. Die Leute haben immer das Bedürfnis, irgendwohin zu gehen. Klar, viele Museen denken jetzt darüber nach, alles ins Netz zu verlagern. Aber das ist natürlich lang- weiliger, als wirklich hinzugehen. Man muss ja nur bei den Bildern bleiben: Die Leute können sich die Mona Lisa tausendfach googeln, aber trotzdem wollen die Leute ins Museum um die echte Mona Lisa sehen.

Im Internet kann man sie viel besser sehen als im Louvre — in HD sieht man den Farbauftrag und jeden Riss im Firnis.
Das ist ja immer noch was anderes — im Browser sieht man eben nie das Ganze. Es geht ja auch darum, dort zu sein, während auch andere dort sind. Da gibt es immer noch diese Präsenz von Körpern im Raum und die Raumerfahrung, die man nicht missen will.

Das Porträt von New Scenario von Philipp gibt es im Schirn Magazin.

Titelbild: New Scenario, Promobild für „Hope“.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *