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„Wer wirst du während einer Krise sein?“ Teju Cole im Interview / Photonews

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Der nigerianisch-amerikanische Schriftsteller Teju Cole wird häufig als einer der bedeutendsten Intellektuellen Amerikas genannt. Er ist Fotografiekritiker der New York Times und schreibt die Kolumne On Photography. Sein Roman Open City, eine Geschichte über Erinnerung und Entwurzelung, machte ihn international bekannt. Sein Held, ein Flaneur des 21. Jahrhunderts, lässt sich durch die Straßen New Yorks treiben und zieht den Leser hinein in seinen Bewusstseinsstrom. Jetzt erscheint mit Blind Spot das erste Fotobuch von Teju Cole, das ein komplexes und elegantes Zusammenspiel von Text und Bild ist. Anika hat für Photonews mit Teju Cole gesprochen – über den Strom der Bilder und über Fragen, die ihn täglich umtreiben, jetzt, wo Amerika in einer Krise steckt.

Ein Auszug: 

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Titelbild: Teju Cole

Anika: Sie haben die Augen angesprochen. Der Titel Blind Spot bezieht sich auf ein medizinisches Problem, das Sie vor einigen Jahren mit Ihren Augen hatten. War das der Auslöser und der Beginn des Projekts?
Teju Cole: Ich habe jahrelang sehr intensiv fotografiert. Als ich 2011 das Problem mit meinen Augen hatte, veränderte sich die Beziehung zu dem, was ich fotografiere. Stil ist etwas, das mich sehr interessiert. Wenn jemand eines meiner Fotos bei sich auf Instagram sieht, wissen die Leute genau, das es von mir ist. Das Motiv kann ein Objekt auf einem Tisch sein, ein Vorhang oder eine komplexe Szene samt entscheidendem Augenblick. An meinem Stil habe ich früher gearbeitet. Alex Webb und Paolo Pellegrin haben mich inspiriert. Wie bei den meisten Fotografen, sind Cartier-Bresson und Robert Frank meine grundlegenden Einflüsse, das, was die beiden aus Zufälligem auf der Straße gemacht haben.

Nach meinem Augenleiden habe ich versucht, weniger aufgeregte und meditative Fotos zu machen, intensiver und beschreibender. Das hat meinen Stil geprägt. Und an dieser Stelle kam der Einfluss von Guido Guidi, von Stephen Shore, von Joachim Brohm und von Luigi Ghirri in das unaufgeregte Bild, das seine Spannung in der Komposition hat. Was mich wirklich interessiert sind Fotos, die als Bilderstrom funktionieren.

(…)

Anika: Ist Amerika ein dunkler Ort in diesen Tagen?
Teju Cole: Ich fühle eine unglaubliche Müdigkeit, weil wir uns mit einem Menschen beschäftigen müssen, der sich die ganze Zeit verrückt benimmt. Die Zukunft ist ungewiss. Es ist eine seltsame Zeit, sehr eigenartig und schwer in Worte zu fassen. Ich sortiere das mit wenigen Worten und mit viel Beobachtung. Ich höre Menschen zu, mache Fotos. Es ist eine apokalyptische Zeit. Ein wenig habe ich mich mit diesen Dingen in meinen Texten befasst. Aber für das Schreiben über die Politik, einen Kommentar oder eine Analyse, fühle ich mich noch nicht bereit. Es gibt viele Meinungen, die ganze Zeit, über alles, was Trump macht. Was ich primär fühle ist Trauer. Und das ist doch etwas anderes, als eine Meinung zu formulieren.

Das Interview ist in voller Länge in Photonews 6/2017 erschienen.

95- Interlaken

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Folgen Sie Teju Cole auf Instagram. Hier finden Sie ein weiteres Interview, das Anika und Philipp mit Teju Cole geführt haben. 

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