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Wer will denn so leben? Utopien von gestern sind wieder im Trend

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Wenn der Meister eine Party gibt, kommen alle. Vom Dach aus kann man die Hügel um Marseille überblicken. Manche der jungen und gutangezogenen Gäste sehen mit ihren dünnen Schnurrbärten aus wie Bohemiens, andere sehen mit ihren Maßanzügen ganz ernsthaft aus. Der Gastgeber ist ein dünner Mann mit Fliege und einer großen runden Brille. Sein Name: Le Corbusier. Die Leute, die auf dem Dach der Cité Radieuse Cocktails schlürfen, sind für den neunten Congrès International d’Architecture Moderne nach Aix-en-Provence gereist. An diesen Tagen und Abenden Ende Juli 1953 wird die Dominanz eines Baustils gefestigt, der zum meistgehassten des 20. Jahrhunderts wird. Wie kommt es, dass der Brutalismus, über Jahrzehnte Symbol für Tristesse, soziale Ungleichheit und Kriminalität, jetzt wieder in Mode ist?

Blick über Marseille: das Dach der Unité d'habitation von Le Corbusier.

No more parties in Marseille: das Dach der Unité d’habitation von Le Corbusier.

Der Kongress stand einmal für das Neue. Seit 1929 treffen sich die Architekten in unregelmäßigen Abständen. Einst um Ernst May versammelt, wollten sie Häuser für das gute Leben bauen. Weiß sollten sie sein, ohne Ornament und vor allem: für alle erschwinglich. Die meisten der Architekturerneuerer sind später vor dem Faschismus in die USA geflohen. Denn die gebauten Utopien der Modernisten passten weder ideologisch noch ästhetisch zum Großkitsch der Nazis. Auf der anderen Seite des Atlantiks gedieh die Avantgarde weiter und wurde zum Internationalen Stil, zur verbindlichen Bauweise für, nunja, eigentlich Alles.

Auf dem neunten CIAM in Aix-en-Provence kündigte sich eine Palastrevolution an. Es bildete sich ein Team, das den zehnten Kongress vorbereiten sollten. Sie nannten sich Team-X. Den jungen Architekten ging es um mehr als nur Rohbeton. Architektur sollte auf ihr Umfeld reagieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg hieß das: meistens auf ausgebombte Innenstädte und frischgebaute Autobahnen. Damit man die Bauten durch die Smogwolken der Aufbaujahre nach dem Krieg sehen konnte, bekamen sie meist eine wiedererkennbare Silhouette. Ein konkretes Bild, das über große Distanzen kommuniziert, sagte der Architekturkritiker Reyner Banham einmal.

Ein Name für den neuen Baustil fand sich schon früh: Brutalismus, abgeleitet von béton brut und von der Vorliebe der Architekten für rohe, unbearbeitete Oberflächen. Ungefähr zeitgleich mit der Entstehung des New Brutalism hatte die Avantgarde in Malerei und Skulptur ein ähnliches Interesse, ihre Materialien offenzulegen. Die besten avantgardistischen Absichten ändern freilich nichts daran, dass das Wort für die meisten Menschen nach menschenfeindlicher Dystopie klingt. Die Architektin Zaha Hadid sagte einmal: „Es gibt nichts, was diesen Baustil höflich oder niedlich macht. Er ist, was er ist.“

Das stimmt aber nicht ganz. Brutalismus ist auch zu einem Symbol geworden für die unwirtliche moderne Großstadt. Oder, glaubt man dem Romanautor J. G. Ballard, gleich zum Symbol für die lebensfeindliche Moderne. Beton ist das Material des Atlantikwalls der Nazis und die Wohnbauten der 1960er sind die Wiedergänger der faschistischen Verteidigungsarchitektur. Moderne Architektur war nie beliebt, schreibt er. Es fehle die bühnenhafte Illusion, beispielsweise in den Hallen der Tate Modern. Denn dort verliebt man sich bestimmt nicht, sondern eher im Louvre oder in der National Gallery.

Alison und Peter Smithson haben wenig übrig für solche romantischen Vorstellungen. Das britische Architektenpaar aus dem Team X hat schon viele kleine Bauprojekte realisiert, die meisten davon galten in den Fünfzigern als radikal. Ihre großen Projekte sind meist gerade deswegen in den Wettbewerben gescheitert. Nun, in den 1960ern bekommen sie ihren ersten großen Auftrag. Im Osten Londons sollte das Areal bebaut werden, wo zur Kolonialzeit – was damals ja noch nicht so lange her ist – die Schiffe aus Indien ankamen und abfuhren.

Der Name des geplanten Riesenbaus klingt märchenhaft: Robin Hood Gardens. Dabei erinnert es, wenn überhaupt ans Märchen, eher an eine Burg. Denn wie Schutzwälle umgeben die beiden Gebäude einen dreieckigen Park. Und als Schutzwälle sind sie gedacht. Peter Smithson erklärt, alles was lärmt, soll draußen bleiben. Das Innere soll eine stressfreie Zone sein.

Die Realität, also die der frühen 1970er, besteht aus: Verkehr, Lärm, Luftverschmutzung und Vandalismus, sagt Alison Smithson, die eine silbern glänzende Blousonjacke trägt wie eine Rüstung gegen diese schädlichen Umwelteinflüsse. Schaut man sich den Osten Londons zu jener Zeit an, kann man ihr nur beipflichten. Denn es lärmt, permanenter Smog lässt kaum die andere Seite der Autobahn erkennen. Überhaupt, man ist wahrscheinlich nicht außerhalb eines Autos sicher. Es wird schnell klar, dass der Wohnblock vor allem ein Bollwerk gegen die Zumutungen der modernen Welt ist. Und nur mit massiven Sichtbetonwänden lassen sie sich draußen halten.

Brutalistische Architektur war eigentlich schon wieder aus der Mode, als die Robin Hood Gardens 1972 fertiggestellt wurden. Nur in den Ostblockländern entstanden noch bis in die späten 1980er erstaunlich avantgardistische Bauten aus rohem Beton. Die Bauten, die die ausgebombte Leere europäischer Städte füllen, sind die Zombies der einstigen Utopien. Und haben noch dazu den Ruf, vor allem soziale Brennpunkte zu sein. Zwar hatten die Architekten wahrscheinlich nur die besten Absichten. Eine gewisse Arroganz kann man ihnen aber doch unterstellen. So ist überliefert, dass sich Peter Smithson darüber beklagt, dass die Mieter der Robin Hood Gardens  sein Werk nicht zu schätzen wissen, weil sie ihre Notdurft im Fahrstuhl verrichten.

Nun tauchen die Bauten immer häufiger in den Feeds der sozialen Medien auf. Beton sieht gut aus in Bildstrecken und auf Instagram. Aber auch immer mehr Architekten betrachten Betonbauten aus den 1960ern nicht mehr als gescheiterte Utopien, sondern suchen Wege der Um- und Neunutzung. Beispielsweise der Berliner Architekt Arno Brandlhuber renovierte die Kreuzberger Kirche Sankt Agnes, damit die König Galerie dort einen neuen Ausstellungsraum bekommt.

Die gebauten Zukunftsvisionen der letzten Jahre passen eher in eine Zeit neoliberaler Kälte. Die neue Europäischen Zentralbank in Frankfurt, ein schillernder, immaterieller Monolith, wurde erst im vergangenen Jahr bezogen und ist sicher nicht der letzte seiner Art. Die Realität ist eine andere als in den frühen 1970ern. Aber es gibt Initiativen, die brutalistische Gebäude zu erhalten und zu modernisieren. Vielleicht liegt das auch am Bedarf für konkrete Visionen zum Wohnen und Zusammenleben der Zukunft. Sichtbeton ist wieder en vogue, nicht nur, weil die alten Bauten fotogen sind.

Dieser Text ist zuerst online auf Englisch im Magazin keen on erschienen, das Thema der Ausgabe im Oktober ist Concrete. 

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