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Eine Frage der Haltung. Kunst, Museen und das Digitale / The Arts+

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Man könnte es für einen Aprilscherz halten, was Jeff Koons und Snapchat da gerade Skurriles gemeinsam verkündeten. Anfang Oktober ist es aber eher unwahrscheinlich, dass Snapchat sich mit dem Launch der neuen AR Kunstplattform art.snapchat.com einen Scherz erlaubt. Und eigentlich verkündet auch nur einer, nämlich Jeff Koons in einem kurzen Video – eine bessere Parodie eines Künstlers ist nebenbei bemerkt schwer vorstellbar.

Koons jedenfalls verkündet jetzt also sehr begeistert, als ginge es darum Louis Vuitton Handtaschen an den Mann zu bringen, dass sein Balloon Dog als AR Installation beispielsweise im Central Park in New York auf Smartphone Displays auftaucht und als spiegelnder Hintergrund für Selfies verwendet werden kann. Seine Augen leuchten. Hunderte, tausende Menschen in Großstädten auf der ganzen Welt oder sogar auf dem Mond, sagt er, könnten das gleichzeitig machen. Er meint, kreativ werden, und er möchte bei diesem Gedanken noch aufgeregter wirken.

Vielleicht ist es einfach eine Frage des Geschmacks, ob man die virtuellen Balloon Dogs, die an öffentlichen Plätzen in Paris, London, Rio de Janeiro, Toronto und beispielsweise Sydney auf dem Bildschirm aufpoppen können, für besonders gut oder ziemlich überflüssig hält. Koons zumindest gefällt die Idee, weil es keine Grenzen zu geben scheint – er stellt sich ja offenbar sogar schon vor, dass man auf dem Mond nichts Besseres zu tun hat, als ein Selfie mit seinem Kunstwerk zu machen.

Ein anderer Künstler, der Amerikaner John Craig Freeman ist maximal bedachter, wenn es um AR, VR und Kunst geht und er hat damit auch nicht erst vorgestern angefangen, weil es irgendwie en vogue ist und ausprobiert werden muss. Als er in den 1990er Jahren begann, sich mit neuen Medien zu befassen, erklärt er, sei es ihm nicht um die Nutzung neuer Technologien gegangen, sondern darum, Kunst in den öffentlichen Raum und Menschen damit in Kontakt zu bringen. Heute interessiert ihn das Thema Migration, weil es ein dringliches Thema ist, weil er überall auf der Welt ein Werk zeigen könnte und weil er wissen möchte, ob es auch mittels VR und AR möglich ist, Empathie beim Betrachter zu erzeugen. „I am bringing the real to the Virtual Reality“, sagt er. Ihm geht es nicht um technische Spielereien und darum zu zeigen, was mittlerweile alles möglich ist. Ein weiterer Vorteil ist natürlich, dass er den Kunstmarkt umgehen kann – im Grunde gibt es kein Werk, das jemand besitzen könnte, die Kunst ist folglich nicht korrumpierbar – und außerdem kann er jederzeit eine Arbeit in ein Museum stellen. Soziale Medien helfen ihm dabei, die Menschen wissen zu lassen, wo auf der Welt seine Kunst zu finden ist.

Und während in den deutschen Feuilletons die Rede davon ist, dass auch Museen neuerdings dem Social-Media-Wahn verfallen seien und eine Lanze für analoge Kunstvermittlung gebrochen wird, sind einige Museen schon drei Schritte weiter. Das Frankfurter Städel Museum setzt auf die digitale Erweiterung, um noch mehr Menschen zu erreichen. Es wird ein Online Kurs zur Moderne angeboten und es gibt kostenfreie Digitorials zu Sonderausstellungen, also gewissermaßen kleine Ausstellungsvorbereitungskurse. „Das sind Möglichkeiten“, so Dr. Chantal Eschenfelder, die Leiterin der Abteilung Bildung und Vermittlung „Inhalte Besuchern intensiver zu vermitteln. Außerdem erreichen wir 20-50% mehr Menschen.“

Screenshot: Kunstgeschichte Online – Der Städel Kurs zur Moderne.

Screenshot: Kunstgeschichte Online – Der Städel Kurs zur Moderne.

Die Reichweite ist auch das Argument von Google und Europeana, der virtuellen Bibliothek, wenn es um Digitalisierung und den kostenfreien Zugang zum kulturellen Erbe geht. „Die Digitalisierung demokratisiert den Zugang zu Kultur“, sagt Simon Rein, der Program Manager des Google Cultural Institute, „das Digitale macht neugierig, es baut Barrieren ab.“ Google scannt schon lange nicht mehr nur Straßen und Bücher, sondern auch Sammlungen von Museen und Ausstellungen.

Kritiker derweil fürchten, der Unterschied zwischen Original und Kopie verschwimme und ins Museum wolle jetzt gleich gar niemand mehr. Rein betont, dass das Digitale eben keine Konkurrenz zum Museumsbesuch sei, man habe gegenteilige Erfahrungen gemacht, so auch Eschenfelder. Die Besucherzahlen steigen. Jill Cousins, Executive Director der Europeana Foundation warnt und mahnt Museen, eine digitale Strategie zu entwickeln und daran zu denken, dass es Vor- und Nachteile gibt, wenn man seine Sammlung ins Netz stellt. Ein Nachteil ist, dass man Dinge, die einmal im Netz sind, nicht wieder entfernen kann. Deshalb ist die Strategie so wichtig.

Screenshot: Google Arts & Culture

Screenshot: Google Arts & Culture

Wenn es um das Finanzielle geht, geben sich alle altruistisch. Die Europeana versteht sich als Mittelsmann und stört sich nicht daran, wenn Dritte mit den online abrufbaren Inhalten Geld verdienen würden. Für Google ist das Cultural Institute ein nicht kommerzielles Projekt mit dem Zugang zu Wissen geschaffen werden soll. Auch das Städel betont, dass mit der digitalen Erweiterung dem Bildungsauftrag nachgekommen wird und John Craig Freeman ist Professor geworden, damit sein Einkommen gesichert ist und er Künstler sein kann. Jeff Koons derweil fragt sich wahrscheinlich immer noch, wie er das mit dem Mond, dem Balloon Dog und den Selfies anstellen könnte.

Der Text ist im Auftrag von The Arts+, Marktplatz für innovative Geschäftsmodelle zwischen Kunst und Technologie der Frankfurter Buchmesse, entstanden und ist deshalb im Englischen dort online im Blog erschienen. Es folgt eine Printversion des Artikels im Magazin von The Arts+.

Titelbild: Jeff Koons x Snapchat

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