Autor: Philipp Hindahl

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Plötzlich Gegenwart. Die transmediale 2017 in Berlin

„alien matter“ heißt die Ausstellung zur 30. transmediale in Berlin. Dazu gibt es noch Vorträge, Parties und ein Filmprogramm. Das Fremdsein ist hier in diesem Jahr ein großes Thema: fremd dem neuen US-Präsidenten oder künstlicher Intelligenz gegenüber. Was für die Pioniere der digitalen Kunst noch vor ein paar Jahren entweder utopische oder dystopische Zukunftsvision war, ist plötzlich Gegenwart.

„Isch’s ok wenni rauch?” Sylvain Baumann, Justin Eagle, Raja’a Khalid in der Vitrine Gallery in Basel

Es gibt Orte, an denen man sich nur ungern aufhält. In der Nähe vom Bahnhof St. Johann in Basel gibt es so einen Ort. Gegenüber ist eine Bar, dazwischen halten die Straßenbahnen. Darüber spannt sich eine Autobahnauffahrt. Wer Basel kennt, weiß, dass die Autobahnauffahrten hier ineinander verschlungene Konstruktionen aus Sichtbeton sind, erdacht in den 1970ern von Bauingenieuren und Architekten, um die Stadt an ganz Europa anzubinden. Darunter ist man eigentlich nur zum Warten. Auf die Bahn, oder darauf, dass hier etwas passiert. Dort ist jetzt auch die Galerie Vitrine. Der fünfeckige Raum ist eingezwängt zwischen Brücke und Asphalt, rundum verglast, wie ein 45 Quadratmeter großes, gestrandetes UFO. Vorher war hier ein Laden für Maßanzüge, der sich nicht lange halten konnte. Dann hat Alys Williams hier Anfang April den Off-Space eröffnet, das Architekturbüro Pantera Pantera hat mitgeplant. Die Galerie ist noch mit einem anderen Teil von Europa verbunden, denn es gibt eine zweite in London. Dort startete Vitrine 2010 als Projektraum und wurde 2012 zur festen Galerie. Weil der Raum in Basel anders ist als die meisten …

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Monsieur Houellebecq sucht das Glück. “Rester vivant” im Palais de Tokyo

Michel ist 15, und er möchte mit Sylvie tanzen. Aber Sylvie tanzt lieber mit Patrice. Was klingt wie eine Story aus „La Boum„, ist eine Anekdote, die der Schriftsteller Michel Houellebecq in seinem Buch „Rester vivant“ von 1997 erzählt. Das Erlebnis ist in Wirklichkeit eine Epiphanie für den jungen Michel. Denn in der Jugenddisco erlebt er zum ersten Mal, dass Schönheit und Leid ganz nah beieinander liegen. Damit benutzt Houellebecq Wörter, die man kaum ohne Scham ausspricht, und erzählt einen Künstlermythos, den man für längst überholt hielt: Wer leidet, hat das Wichtigste, das man als Dichter braucht. „Rester vivant“, am Leben bleiben, heißt auch die Ausstellung, die Houellebecq im Palais de Tokyo gemacht hat. Man könnte glauben, der Schriftsteller hätte sich in seiner Ausstellung einen Scherz erlaubt. Als hätte er sich einen Künstler ausgedacht, der fotografiert, Installationen macht und damit in eines der wichtigsten Häuser für Gegenwartskunst in Europa kommt. Eine Persiflage auf den Kunstbetrieb, wie sein Roman „Karte und Gebiet“. Für Unwohlsein sorgt erst einmal die Ausstellungsarchitektur. Die Wände sind in einem Dunkelgrau gestrichen, das wenig …