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    Will Art save us?

    Hamburgs Nachwuchskünstler haben ein Problem: Sie erhalten zwar an der renommierten Hochschule für bildende Künste eine exzellente Ausbildung, doch nach dem Abschluss schlägt ihnen die Realität in Gestalt von nicht finanzierbaren Atelier‑ und Wohnungsmieten derart entgegen, dass so manchem nur die Flucht ins (derzeit noch) günstigere Berlin bleibt. Aber nicht jeder ist gewillt, dem Druck der Gentrifizierung zu weichen.

    8.10.2009

    Conny Becker

    Freie Mitarbeiterin, Berlin

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    Seit fünf Wochen besetzen mehr als 300 Künstler acht leer stehende Häuser im Gängeviertel, haben es in einen Produktionsort und ein Kulturzentrum gleichermaßen verwandelt und machen damit sowohl auf ihre eigene Situation als auch die des Gebäudekomplexes aufmerksam. Der inzwischen kleine Rest des über drei Jahrhunderte gewachsenen Gängeviertels am Valentinskamp – benannt nach der engen Hinterhofbebauung – ist teilweise seit Jahren unbewohnt und altert stetig vor sich hin. Den verbliebenen fünf Mietern wurde bereits vergangenes Jahr gekündigt, als der niederländische Investor Hansevast vom Senat den Kaufzuschlag für das Areal erhalten hatte; dennoch werden sie bis zum Baubeginn weiterhin geduldet. Vorgesehen war, dass die Abriss‑ und Sanierungsarbeiten bereits in diesem Sommer beginnen, doch nach eigenen Angaben gegenüber dem zuständigen Bezirksamt wurde Hansevast von der Wirtschaftskrise empfindlich getroffen und sucht nach Finanzpartnern für das Projekt. Kürzlich kam der Investor der auf den 18. September festgelegten Zahlungsaufforderung nicht nach. Läuft auch die erneute vierwöchige Frist ab, könnte die Stadt nach Angaben von Pressesprecherin Ilka von Bodungen vom Kaufvertrag zurücktreten.

    Die Freiluftgalerie im Gängeviertel. Foto: Jens Beckmann

    Die Freiluftgalerie im Gängeviertel. Foto: Jens Beckmann

    Genau dies forderte auch die Initiative Komm in die Gänge, zu der neben der ständig wachsenden Gruppe von Künstlern auch andere Kulturschaffende und Bürger der Hansestadt sowie einige auswärtige Gäste zählen. Die Initiative erhält zudem von bekannten Persönlichkeiten aus der Hamburger Kulturszene Rückenwind, wie dem Vizepräsident der Hamburgischen Architektenkammer Henning Bieger, dem Intendanten des Schauspielhauses Friedrich Schirmer oder Professor Dr. Lisa Kosok, Direktorin des Museums für Hamburgische Geschichte, die sich in schriftlichen Statements für die Rettung der historischen Gebäudesubstanz sowie eine Bereitstellung von Künstlerateliers aussprechen. Entsprechende Entwürfe zur behutsamen Renovierung mit nur geringfügiger Veränderung der denkmalwürdigen, aber nur zum geringen Teil entsprechend geschützten Häuser liegen vor, wonach sowohl die Anliegen der Restmieter als auch die der Künstler berücksichtigt werden. So wollen die Planer, abgesehen von bleibenden Gewerbe‑ und Wohneinheiten, künftig auch Gebäudeteile zu Atelierwohnungen umwidmen und eine Fabrikhalle als Veranstaltungs‑ und Ausstellungsort verwenden.

    Zwischennutzungsprogramm als Lösung

    Einige Künstler haben schon 2007 begonnen, sich um Gebäude im Gängeviertel zu kümmern, sie nach und nach wieder herzurichten... Foto: Lars Pohlmann

    Einige Künstler haben schon 2007 begonnen, sich um Gebäude im Gängeviertel zu kümmern, sie nach und nach wieder herzurichten... Foto: Lars Pohlmann

    Prominente Unterstützung erhalten die Besetzer auch von Daniel Richter, der seine Meinung in den Medien gewohnt direkt kundtut und die Hamburger Kulturpolitik recht harsch kritisiert. Doch selbst Kultursenatorin Karin von Welck bezeichnete die Aktion der Künstler gegenüber dem Deutschlandradio als „völlig ok“, gestand ein, dass die Zahl der Künstlerhäuser nicht ausreiche und es noch „große Optimierungsmöglichkeiten“ gebe. Die Kulturbehörde ist sich dem Problem bewusst und hat beispielsweise bereits 2007 mit Hilfe eines privaten Mäzens begonnen, vergünstigte Künstlerateliers in der Speicherstadt zur Verfügung zu stellen. Darüber hinaus sollen noch in diesem Herbst rund 30 Atelierplätze bereitgestellt werden: zum einen in der Behringstraße in Zusammenarbeit mit der Sprinkenhof AG und dem Verein Ateliers für die Kunst, zum anderen mit dem Kunst‑ und Kulturverein 2025 in der Ruhrstraße, in der die Kulturbehörde von Bodungen zufolge den Umbau eines ehemaligen Lagerhauses finanziert hat, das im Oktober eröffnet werde. Man sei nun dabei, so Senatorin Welck im Deutschlandradio, eine „Immobilienbörse für Künstler“ zu installieren, worunter ein Programm zur Zwischennutzung von leer stehenden Gebäuden zu verstehen ist – eine Strategie, die Berlin schon länger verfolgt und der Hamburger Senat derzeit auch mit Gängeviertel-Investor Hansevast diskutiert.

    Permanentes Ausstellungsprogramm

    ... und für Ausstellungen, Lesungen oder Konzerte zu nutzen. Foto: Lars Pohlmann

    ... und für Ausstellungen, Lesungen oder Konzerte zu nutzen. Foto: Lars Pohlmann

    Derweil wird im Gängeviertel Kunst gezeigt. Natürlich besetzen nicht wirklich hunderte Künstler permanent die Gebäude, zumal sie aus Brandschutzgründen und anderer Sicherheitsbedenken wegen nur die Erdgeschosse nutzen dürfen und angesichts der laufenden Kosten weiterhin ihren Nebenjobs nachgehen müssen. Aber inzwischen haben sich laut René Gabriel, dem Sprecher der Initiative, mehr als 300 Künstler an Ausstellungen und Aktionen beteiligt und viele von ihnen würden direkt ihr Atelier hierhin verlegen, wären auch die Obergeschosse freigegeben. Da das Wetter das Arbeiten im Freien inzwischen weniger zulässt, bestehen momentan nur einzelne Arbeitsräume; der Schwerpunkt liegt klar auf den Ausstellungen, die täglich ab 13 Uhr kostenlos besucht werden können. Dabei haben alle acht Häuser ihre eigene Struktur und Planung. Parallel existiert aber auch eine Programmgruppe, die alles bündelt und Veranstaltungen ankündigt und vor allem externe Anfragen, seien es Konzerte oder Lesungen, koordiniert.

    Wie sich die Situation von Künstlern und Gängeviertel weiterentwickelt, bleibt abzuwarten. Derzeit wird die Nutzungsvereinbarung von Zahlungsfrist zu Zahlungsfrist verlängert. Sollte es bei Investor Hansevast bleiben, könnte sie noch auf den Zeitraum bis zum möglichen Baubeginn erweitert werden. Von Bodungen zufolge entwickelt die Stadt für den Fall, dass der Kaufvertrag nichtig wird, bereits Alternativszenarien für das Gängeviertel, in denen auch die Künstler berücksichtigt werden. Doch schon jetzt haben diese mit der Besetzung eines erreicht: Sie haben die Öffentlichkeit für städtebauliche und kulturpolitische Entscheidungen weiter sensibilisiert. Und wenn sich die Existenzmöglichkeiten für junge Künstler in Hamburg dennoch nicht bessern sollten, könnten sie in Leipzig Asyl finden. Entsprechende Angebote der Sachsen hat die Initiative Gängeviertel bereits erhalten.

    Wer vom 26.- 29. November 2009 zum KSK nach Hamburg fährt, kann im Gängeviertel überprüfen, ob sich das aktuelle KSK-Motto „Art will save us“ in der Hamburger Realität beweisen kann.

     

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