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    „Voll cool“. Kunstgeschichtsmieze undercover

    Eine unterhaltsame Amazon-Rezension möchte tiefe Einblicke in das Oeuvre von Max Beckmann und die kunsthistorischen Fähigkeiten von Uwe Schneede bieten.

    19.10.2009

    Anika Meier

    Redaktion

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    Ich bin heute über eine äußerst aufschlussreiche Rezension bei Amazon mit folgendem vielversprechenden Einstieg gestolpert:

    „Ich bin Jurastudentin und verstehe nicht viel von Kunst. Aber ich finde es voll krass, dass von den mehr als 800 Beckmann-Büchern, die hier bei Amazon gelistet sind, nur noch drei lieferbar sind.“

    Uwe M. Schneede: Max Beckmann. Der Maler seiner Zeit. München 2009, Beck.

    Der Stein des Anstoßes: Uwe M. Schneede: "Max Beckmann. Der Maler seiner Zeit". München 2009.

    Irgendwie ist besagte nicht-kunstverständige Jurastudentin dann doch auf Max Beckmann gekommen und versucht sich deshalb an einer sachverständigen Rezension über Uwe M. Schneedes Max Beckmann. Der Maler seiner Zeit. Glücklicherweise war die Autorin gerade bei ihrer Oma, die alle Beckmann-Bücher hat – wohlgemerkt 800 an der Zahl –, und konnte so „ganz gut vergleichen“.  Eine „gute Auswahl von Illustrationen“ bringe das Buch, leider kennt die Autorin bereits alle abgedruckten Werke. Was erwartet man auch anderes von jemandem, der bereits mindestens 800 Bücher über Beckmann gelesen hat?  Aber irgendwie macht Schneede laut Rezensentin seine Sache dann doch „ganz gut“, schließlich handelt es sich nicht um eine wissenschaftliche Veröffentlichung mit einer „abstrusen These und Diskussion der Sekundärliteratur“ – puh, nochmal Glück gehabt!

    Schneedes These ist ihr letztendlich doch zu banal, die da lauten soll „Beckmann sei ein Maler seiner Zeit gewesen“. Denn die Jurastudentin weiß: „Beckmann ist von älterer Kunstgeschichte durchdrungen wie kein anderer Maler der Moderne.“ Ich wittere kunsthistorischen Sachverstand. Wunderbar zu lesen ist folgender Passus, in dem die Rede von Schneedes „heterogenem Stil“ ist:

    „Mal handelt er im Stil eines Erstsemester-Referates die Biographie ab, mal macht er auf Carl Schmitt (»Souverän ist, wer um die Abgründe weiß.« S. 124), dann wieder schwingt sich Prof. Schneede (so heißt der Autor) zu ebenso brillanten wie faßlichen Resümees geistesgeschichtlicher Entwicklungen auf, als wäre er im Hörsaal und säße vor 300 Kunstgeschichtsmiezen.“

    Zugegeben, ich habe das Buch von Schneede selbst noch nicht gelesen, habe aber bereits einen längeren Blick hineingeworfen. Mit ihrer Behauptung „Becks Beckmann wird sein Publikum auch im Geschenkartikel-Bereich finden“, liegt die Rezensentin sicherlich nicht (ganz) daneben, denn das Fachpublikum adressiert Schneede mit seinem Beckmann eher weniger. So handelt er etwa auf knapp zwei Seiten Die Synagoge (1919) zusammen mit dem Eisernen Steg (1922) als eine der „zwei bedeutendsten Stadtansichten der zwanziger Jahre“ (S. 86–90, Abb. S. 88–89) ab – mehr als eine Bildbeschreibung und verkürzte Zusammenfassung der bisherigen Forschung liefert er allerdings nicht. Aus dem Grammophontrichter, der rechts ins Bild gehängt ist, macht Schneede kurzerhand eine „Kindertrompete“ (S. 87), wodurch einerseits die Deutung des Plakats mit dem angstvollen Gesicht und der Aufschrift „NOT“ auf der Litfaßsäule erschwert wird, auf die der Grammophontrichter zeigt; und andererseits geht dadurch ein Verweis auf Die Nacht verloren, in der ebenfalls ein solcher Grammophontrichter zu sehen ist. Auch die dominant ins Bild gesetzte Katze lässt Schneede bei seiner Deutung außen vor, er konstatiert lediglich, dass diese „aus der Auferstehung von 1916 stammt, hier aber nicht mehr schwarz ist und auch nicht jaulend gegeben ist“. (S. 87) Naheliegender ist, dass es sich um die schwarz-weiße Katze aus dem Bildnis Fridel Battenberg (1920) handelt, die ebenfalls die gelben Augen weit aufgerissen hat. Wie „eine Sphinx: wissend und ungerührt“, so hat Christian Lenz die Katze im letzten größeren Aufsatz über Die Synagoge aus dem Jahr 1973 beschrieben. Eine überzeugende Deutung der Mieze steht also auch nach dem Buch von Schneede noch aus, und dass, obwohl er – laut Amazon-Rezensentin – jahrelang von Kunstgeschichtsmiezen umringt war.

    "Aber was bedeutet die Synagoge?" (S. 87). Max Beckmann, "Die Synagoge", 1919, Städel Museum Frankfurt

    "Aber was bedeutet die Synagoge?" (S. 87). Max Beckmann, "Die Synagoge", 1919, Städel Museum Frankfurt

    Eine überzeugende Besprechung des Buches von Schneede steht allerdings auch noch aus. Ich bestelle mir jetzt ein Rezensionsexemplar und versuche mich anschließend daran. Derweil lasse ich noch einmal unsere Amazon-Rezensentin zu Wort kommen. Zum Abschluss ihrer Besprechung spricht sie den „Herrn Professor“ persönlich an, der – so meint sie – im Unrecht ist, wenn er schreibt, dass in den letzten Jahren „zahlreiche wertvolle Untersuchungen zu allen Aspekten des Beckmannschen Werks in Ausstellungskatalogen und akademischen Publikationen erschienen“ sind. Unter den 800 Büchern der Oma findet sich offenbar nicht die Habil. von Olaf Peters Vom schwarzen Seiltänzer. Max Beckmann zwischen Weimarer Republik und Exil aus dem Jahr 2005.

    „Nee, mein Lieber: Die wertvollen Veröffentlichungen sind AUßERHALB von Katalogen und akademischen Veröffentlichungen erschienen, inkl. diese hier. Ich rechne es durchaus zu den wertvollen Veröffentlichungen über Beckmann; allein schon der Papierqualität wegen.“

    Beinahe ein Happy End: „Voll krass“!

    4 Kommentare

    1. Anika Meier

      19.10.2009

      Ja, da hast du sicher sehr recht – war von mir alles eher ulkig gemeint!

      Antworten

    2. Pascal Heß

      19.10.2009

      Jetzt wissen wir auf jeden Fall, dass besagte Jura-Mieze auch schon mal was von Panofsky gehört hat, Schneede duzen darf und auch sonst ganz viele tolle Kunstgeschichts-Dinge kennt, obwohl sie ja nicht viel von Kunst versteht. Wir hätten sie und ihre Bildung also wahrgenommen und das scheint mir doch die erste Motivation für ihre Rezension zu sein. Die zweite war vielleicht die Oma. Danke, dass Ihr das bei Artefakt aufgenommen habt.

      Antworten

    3. Anika Meier

      19.10.2009

      letztere machen freilich nicht so viel spaß – „be serious enough to have fun“.
      schön finde ich auch diese rezension:
      http://www.artnet.de/magazine/books/heidenreich/heidenreich02–13–08.asp

      eigentlich wird es aber so gemacht:
      http://www.sehepunkte.de/2009⁄10/14161.html

      Antworten

    4. Anna Lafrentz

      19.10.2009

      Ich wünschte meine Oma hätte 800 Bücher über Beckmann, dann könnte ich auch endlich eins davon lesen und Rezensionen über Rezensionen verfassen…

      Antworten

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