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Kunst ist für alle da

Das dachten sich Rammstein bei der Gestaltung des Booklets ihres aktuellen Albums „Liebe ist für alle da“ und haben sich fleißig kunsthistorischer Zitate bedient. Sind Caravaggio und die Utrechter Caravaggisten damit im 21. Jahrhundert angekommen?

9. November 2009

Anika Meier

Redaktion

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Die Frage ist freilich ebenso provokant wie die Bilder skandalös. Nicht zuletzt deshalb – und natürlich in erster Linie wegen der Texte – wurde die Platte inzwischen von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien auf den Index gesetzt und darf ab Mittwoch nur noch unter der Ladentheke verkauft werden. „Kleinbürgerliches Kunstverständnis“ warf der Keyboarder der Band der Prüfstelle vor, bei der ein Skandal auf den nächsten folgt.

"Kleinbürgerliches Kunstverständnis"?

"Kleinbürgerliches Kunstverständnis"?

Die einen haben ein Rezept für gute Songs, Rammstein haben ein Rezept für schlechte Skandale. Für den Aktuellen mixte sich die Band unter anderem ein Potpourri aus kunsthistorischen Zitaten: Man nehme 1 Prise christliche Ikonographie, 5 Würfel Stilllebenmalerei, 3 Löffel holländische Genremalerei, 100 g Rubens, 200 g Ingres, 1 Messerspitze Surrealismus, vermenge es mit einer Packung Caravaggio beziehunsgweise Caravaggisten und rühre darunter einen Spritzer Rammstein-Chauvinismus. Fertig ist der Kassenschlager – den Soundtrack möchte ich mir gar nicht erst anhören.

Rockstars im 17. Jahrhundert. Dirck van Baburen: "Lockere Gesellschaft", 1623

Rockstars im 17. Jahrhundert. Dirck van Baburen: "Lockere Gesellschaft", 1623

Von verführerisch und frech, einer Verbindung von Erotik und Ironie, kann hier wie in Bezug auf die Utrechter Caravaggisten wohl kaum die Rede sein.  Wo sind nur die Musikinstrumente geblieben?

34 Kommentare

  1. ioana herbert am 9. November 2009

    schauderhaft! ich bin entsetzt! Kunst ist auch für alle da, nur muss man von ihrer Vermittlung etwas verstehen! ich bin sprachlos! 8–0

  2. Stefan am 10. November 2009

    Hallo,

    man kann sich alles schlecht und/oder schön reden und obendrein noch alles bierernst nehmen.
    Daher mein Tip: Stock ausm Arsch und unvoreingenommen an alles rangehen :-)

    Gruß Stefan

  3. Pascal Heß am 10. November 2009

    Mal ganz unvoreingenommen drangegangen: Bei folgender Textpassage kann ich weder Kunst noch Ästhetik, noch nicht mal einen guten, kalkulierten Skandal sehen. Vielmehr lese ich in diesem Ausschnitt aus dem Lied „Pussy“ spätpubertierenden Blödsinn:

    „you´ve got a pussy
    Ⅰ have a dick
    so whats the problem
    let´s do it quick“

  4. ioana herbert am 10. November 2009

    ?!? gehe doch scho‘ die längste Zeit ran…

  5. Bianca Schäfer am 10. November 2009

    Hi Anika,

    danke für den Artikel, der doch sehr nah an der Zeit ist! Ich frage mich immer häufiger, wo denn eigentlich heutzutage „Grenzen“ sind, v.a. was die Ästhetik anbelangt – und ob ich langsam zu spießig werde.

    Gerade die Oberflächlichkeit und kurzen Formulierungen, die oft überflüssig sind, stören. Immer schneller und besser – wenn der so wäre ?!? – wäre das toll.

  6. ioana herbert am 10. November 2009

    http://de.wikipedia.org/wiki/Rammstein

  7. Stefan am 10. November 2009

    @Pascal Heß:
    Dazu sollte man sich den gesammten Text zu gemüte führen. So stellt man fest das Rammstein hier ganz klar das Single-Dasein,das schnellebige unverbindliche Sexleben anprangert und in Frage stellt, was ja heute ganz selbstverständlich ist.

    So bedeutet der Refrain überspitzt nichts anderes, daß es heute keiner Werte mehr bedarf, um als Frau und Mann sich auf eine schnelle Beziehung/Onenightstand einzulassen!

    Gruß Stefan

  8. Anika Meier am 11. November 2009

    meinst du, lieber stefan, dass der durchschnittshörer bzw. der neu-rammsteinianer die message versteht? klingt mir sehr nach aufmerksamkeitshascherei, hauptsache allerortens wird über rammstein gesprochen… das hätten sie mit einer „normalen“ single, bei der die bundesprüfstelle bestimmt schon die ohren gespitzt hat, vor dem albumrelease sicher nicht geschafft!?

  9. Stefan am 11. November 2009

    Ja; liebe Anika, der Rammsteinfan oder wie du es umschreibst; Neu-rammsteinianer wird es verstehen da er es verstehen will und die Lieder eindeutige Messages enthalten.Alle anderen wollen nur das verstehen was die Medien einem vorkauen!

    Und bei Rammstein gibt es keine ,,normale´´ Single. Sie wollen provozieren und schockieren. Nur so bekommt man eventuell eine Message in die Köpfe der Zuhörer!

    Gruß Stefan

    P.S. Nur mal so als Denkanstoß:

    Texte von Sido und Konsorten in denen es lautet. Ich fick und nehm Drogen den ganzen Tag ja das ist super. Sowas sollte man indizieren da sowas nur saudumm ist und die Judgend eventuell zu sowas ermutigt!

  10. Anika Meier am 11. November 2009

    ich bin mir nicht sicher, ob man mit einem video zu einer single mit katzennamen im titel, das gar nicht erst ausgestrahlt werden darf, die zuhörer erreicht – vornehmlich den durchschnittsteenager. rammstein arbeiten doch zu sehr mit obszönen bildern (und anglizismen, die jedes schulkind kennt), das auch im booklet – darum ging es mir hier mit meinem beitrag: message?

  11. ioana herbert am 11. November 2009

    „Collage-Technik ist die systematische Ausbeutung des zufälligen oder künstlich provozierten Zusammentreffens von zwei oder mehr wesensfremden Realitäten auf einer augenscheinlich dazu ungeeigneten Ebene – und der Funke Poesie, welcher bei der Annäherung dieser Realitäten überspringt.“

    – Max Ernst, 1962

  12. Stefan am 11. November 2009

    Na wenn das Video niemanden erreicht hat, warum weiß dann ein fast jeder bescheid darüber ;-)

    Ich hab alles dazu gesagt was ich sagen wollte!
    Und werde mich hiermit verabschieden, Danke für die Diskussion.

    Gruß Stefan

  13. Anika Meier am 11. November 2009

    medienberichterstattung!! d.h. ja nun nicht, dass die leute mit den „tiefgründigen“ texten vertraut sind. dein idealismus in allen ehren…

  14. ioana herbert am 11. November 2009

    sehe ich ähnlich: schlechtes handwerk. :(

  15. ioana herbert am 11. November 2009

    p.s. nichts gegen innovation, aber wenn wir so weitermachen, erfinden wir bald das rad neu und feiern das als fortschritt des jahrhunderts. :D
    es gibt doch (wenn auch recht wenige) sachen, die schon mal von menschen geklärt wurden. bsp. hier: die collage-technik. wieso nimmt man nicht einfach diese definitionen, die übrigens bei wikipedia für jedermann griffbereit sind? das verstehe ich nicht.
    nach dem „gestaltungskonzept“ dieser platte lautet die definition von max ernst zur collage: „zufällige ausbeutung von systematischem zusammentreffen von zwei wesensgleicher realitäten (kunst und musik sind nicht so fern voneinander und der manierismus auch ziemlich nah an unsere zeit) auf eine augenscheinlich geeignete ebene…“ (von poesie will ich gar nicht reden!)
    es ist doch genau das gegenteil dessen, was der künstler 1962 formuliert hat! ich wüsste einmal gerne wieso?!? können wir das heute besser? brauchen wir das nicht mehr? gut, man kann definitionen auch nach einiger zeit ablegen und neue aufstellen. aber welche wäre die in diesem fall? ich lege bereitwillig die alten werte ab, aber was sind denn die neuen? wie soll denn eine gute collage heute anders aussehen als es max ernst formuliert hat?

  16. ioana herbert am 11. November 2009

    wie auch immer… dank dieser diskussion habe ich auf alle fälle ein methodenproblem weniger! bin jetzt auch eine weile weg. danke + grüße an alle :D

  17. Chris am 11. November 2009

    Am Ende geht es bei Rammstein doch nur um billige Provokation – das Spiel mit explizit sexuellen Inhalten ist für mich das letzte Aufbäumen einer Band, die musikalisch wie ideologisch am Ende ist. Rammstein hat schon immer mit klaren Signalgebern aus der Vergangenheit koketiert und sich diese für ihr Provokationsspielchen zu Nutzen gemacht.

  18. ioana herbert am 12. November 2009

    Von wegen „Provokation“… selbst dafür braucht man mehr Ruhe. Das hier ist Angst. Angst der Band zu verlieren, Angst der Behörden zu versagen, Angst der Fans zu verpassen usw. usw. usw. Nichts als ANGST mit den dazugehörigen Konsequenzen (hysterische Debatte, Qualitätsschwund, Verlust usw.).
    Fällt mir aber gerade auf: wie ruhig die Bilder im Kontrast zu dieser zerfahrenen Diskussion wirken! Wie klar das Licht, wie gebunden die Formen, wie ruhig die Rhetorik… Noch nie habe ich Caravaggio so souverän gesehen… wie offen die Codes seiner Theatralik erscheinen! Wie still das alles ist! Im Museum geht das alles oft unter… Bin richtig überrascht wie schön diese Kunstwerke sind! :-)

  19. Anika Meier am 12. November 2009

    Die „Skandalelite“ im Gespräch mit Ursula von der Leyen bei Daniel Haas im Spiegel – hervorragend:
    http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,660751,00.html

    Für meine Ohren gibt es jetzt „Lass uns Liebe sein“ von Jochen Distelmeyer: Auf die Kunst!

  20. ioana herbert am 12. November 2009

    Vielleicht manifestiert sich gerade hier der „Eigensinn der Bilder“ und sie entziehen sich dem aktuellen Diskurs der Angst? Unter diesem Aspekt müsste am Ende der Analyse ihre Botschaft tatsächlich auf Liebe lauten… Allerdings etwas substantieller als es der Titel der Platte anstrebt, wenn ich das aus der hiesigen Diskussion richtig verstanden habe. Somit wären, liebe Anika, in der Tat Caravaggio und die Caravaggisten etwas überstürzt und mit einem alten Wert (den man mangels neuerer Auflage gut gebrauchen kann) im 21. Jahrhundert angekommen! Super! :D

  21. ioana herbert am 12. November 2009

    ha, ha, ha… das Gespräch (eher Wortwechsel)im „spiegel online“ ist sehr lustig! Danke! :D

  22. Anika Meier am 12. November 2009

    Man könnte sich freilich auch fragen „Wohin mit dem Hass“, um noch einmal Jochen Distelmeyer zu bemühen:
    http://www.mtv.de/videos/20284269?forum=view_all

  23. ioana herbert am 13. November 2009

    Andere Musik? :D

  24. ioana herbert am 14. November 2009

    Tom Waits christmas song? :)

  25. ioana herbert am 15. November 2009

    Puff Daddy ginge vielleicht auch?

  26. ioana herbert am 15. November 2009

    kurz:de gustibus non est disputandum!

  27. Maximilian Pascheberg am 16. November 2009

    Es scheint mir, als ob Rammstein das Prinzip der Intertextualität (bzw. vielleicht auch Intermedialität), das bei einigen Songs ganz offensichtlich zu Tage tritt, neuerdings auch auf die früher eher schlichten Plattencover ausweitet.
    Beispiele aus Texten sind etwa Rosenrot oder Dalai Lama (Goethe: Heidenröslein, Erlkönig), Ohne dich (Lehár: Dein ist mein ganzes Herz) bzw. auf dem neuen Album Haifisch (Brecht: Moritat Mackie).
    Letzter wird sich daran sicher nicht gestört haben, ist er doch selbst für seinen recht laxen Umgang mit Fremdzitaten bekannten.
    Talent borrows, genius steals. (der Vollständigkeit halber: Oscar Wilde)
    Egal ob Zitat, Plagiat oder Anspielung, welchen Künstler man welcher Gruppe zuordnen möchte liegt immer im Auge des Betrachters.

  28. Anna Lafrentz am 16. November 2009

    Ich kann da leider wenig Zusammenhang erkennen. Die Texte sind für mich ganz klar abstoßend und zu rechtens auf dem Index gelistet, und von der Band an sich habe ich persönlich sowieso noch nie was gehalten, aber wie und welche berühmten Kunstwerke sie sich zu eigen machen und verändern, so dass es zu ihrer Musik und der Platte passt, finde ich liegt im Bereich der Freiheit der Kunst. Blöd, dass somit „die hohe Kunst“ mit skandalösen Texten in Kontakt kommt (würde nicht mal von „in Zusammenhang gebracht werden“ sprechen) –aber mal ganz ehrlich: Wecher Käufer der Platte erkennt die Zitate überhaupt wieder?!

  29. ioana herbert am 17. November 2009

    >Talent borrows, genius steals

    Ja. Kunst und Ethik ist ein weites Feld. Die Idylle beginnt und hört wohl auch bei der Weimarer Klassik auf. Die lange Zeit davor und die lange Zeit danach sehen anders aus. Da eignet sich vermutlich kaum ein Künstler zum ethischen Vorbild. Das macht ein postives Plädoyer gewiss nicht einfacher. Der Versuch könnte sich in einigen Fällen vielleicht dennoch langfristig lohnen. Vielleicht! :)

  30. Anika Meier am 18. November 2009

    Nachdem Ioana als Alternative zu Rammstein nun Puff Daddy vorgeschlagen hat, wollte ich nicht unerwähnt lassen, dass mein Verweis auf Jochen Distelmeyer alles andere als ulkig gemeint war. Wer nicht weiß, wie großartig Distelmeyer ist, sei hier auf Eric Pfeils FAZ-Blog „Das Pop-Tagebuch“ verwiesen:
    http://faz-community.faz.net/blogs/pop/archive/2009⁄11/18/der-elektrische-camembert-des-diskurs-pop-distelmeyer-gong-und-die-goldene-40.aspx

  31. ioana herbert am 19. November 2009

    approved!

  32. ioana herbert am 24. November 2009

    Man kann natürlich auch fragen, was deutsche Romantik sei? :)

  33. Anika Meier am 24. November 2009

    Eine steile These zum Thema Rammstein und Texte konnte man heute in der FAZ lesen:

    „Wer weiß, womöglich wird es in diesem Windschatten sogar möglich, zuzugeben, dass Till Lindemann als Texter zumindest mehr Sinn für die deutsche Sprache hat als das meiste, was jedes Jahr in Klagenfurt so auftritt.“

    Zum Thema Rammstein und „Deutschtümelei“:

    „Nationalistisch ist eher, wer das nicht akzeptieren kann, dass ausgerechnet diese burleske Teutonenrevue „da draußen“ so gut ankommt und nicht, sagen wir mal: Jochen Diestelmeyer mit seinen, wie es heißt, sehr stimmungsvollen Texten.“

    Nicht d’accord, der Vergleich hinkt ein wenig: Wie sollen denn auch die „da draußen“, also Franzosen und Amerikaner, Herrn Distelmeyer verstehen? Das Gestampfe der „Teutonenrevue“ erschließt sich einem auch ohne profunde Deutschkenntnisse.
    Den ganzen Beitrag findet ihr hier online:
    http://www.faz.net/s/RubE219BC35AB30426197C224F193F54B1B/Doc~E76173E0E764C49778B9C2BCE9DCA6AE2~ATpl~Ecommon~Scontent.html

  34. ioana herbert am 25. November 2009

    Wenn die Exportartikel vom Rande Europas Dracula, Marschall Antonescu und Diktator Ceausescu heißen, ist es mir eine Ehre „nationalistisch“ zu sein und diese nicht zu vertreten. Hier halte ich es demnächst mit Heino. :)

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