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Du sollst Dir ein Gottesbild machen

Den Ausgangspunkt der aktuellen Ausstellung „Götterbilder und Götzendiener in der Frühen Neuzeit – Europas Blick auf fremde Religionen“ in der Universitätsbibliothek in Heidelberg bilden drei Publikationen, die zwischen 1722 und 1737 veröffentlicht wurden. Gemeinsam ist ihnen die Auseinandersetzung mit historischen und fremden Glaubensrichtungen, Kulthandlungen und Kultorten sowie Götterbildern. Zudem sind die Veröffentlichungen von Bernard Picart, die „Cérémonies et coutumes religieuses de tous les peuples du monde“, Bernard de Montfaucons monumentale Bildenzyklopädie zur Antike und Joseph-François Lafitaus Vergleich der Kultur der nordamerikanischen Indianer mit den Völkern der Antike, die „Mœurs des Sauvages“, allesamt reich illustriert.

Den zahlreichen Abbildungen kommt neben den Texten eine entscheidende Rolle als Wissensträger und Wissensvermittler zu. Die in fünf Sektionen unterteilte Ausstellung nutzt die Bilderflut in den Büchern und sucht auf deren Basis nach gemeinsamen Grundlagen, Vorgeschichten und Kontexten. Dabei wird gezeigt, dass die Buchprojekte nur in einer gemeinsamen Analyse zu verstehen sind, wie die drei Initiatoren und Kuratoren der Heidelberger Ausstellung, Cornelia Logemann und Ulrich Pfisterer in Zusammenarbeit mit Maria Effinger, im begleitenden Katalog betonen.

Die vier Hauptreligionen auf einen Blick: Heidentum, Judentum, Christentum und Islam.

Die vier Hauptreligionen auf einen Blick: Heidentum, Judentum, Christentum und Islam. Aus: Thomas Broughtons „Historisches Lexicon aller Religionen“ von 1756.

Der erste Teil der Ausstellung, der mit „Der Blick auf alle Religionen und Riten der Welt“ betitelt ist, widmet sich der unterschiedlichen Wirkung und Rezeption der genannten Werke. In dieser ersten Sektion werden nicht nur die Werke Picarts, Montfaucons und Lafitaus gezeigt, sondern auch Bücher präsentiert, die sich seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert mit „Europas Blick auf fremde Religionen“ beschäftigen. Die Rezeption der drei Hauptwerke zeigt sich hier beispielsweise an Johan Joachim Winckelmanns „Geschichte der Kunst des Alterthums“, eine Veröffentlichung, die als Beginn der neuzeitlichen Archäologie und Kunstgeschichte gelten kann. Winckelmanns Hauptaugenmerk liegt – Montfaucons Bänden ähnlich – vornehmlich auf der griechischen Kunst. Allerdings stieß Montfaucons Werk bei Winckelmann auf vehemente Ablehnung: Er beurteilte es als unkritisch und antiquarisch. Picarts Vorstellung eines weltweiten Vergleichs von Religionen, Riten und Götterbildern wurde von Winkelmann angenommen und konnte sich schließlich verbreiten. Lafitaus Ansatz ethnologischer Beschreibungen vermochte es darüber hinaus neue methodische Standards zu setzen.

Ausgehend von der Darstellung der drei Hauptwerke innerhalb der Ausstellung, ihrer Vorläufer sowie ihrer Wirkungsgeschichte folgt eine Auseinandersetzung mit der antiquarisch-historischen Forschung. Dass das Verständnis in der Frühen Neuzeit von Religion in antiken Kulturen ausgehend von römischen, griechischen und zudem jüdischen Altertümern geformt wurde, zeigen diverse präsentierte Publikationen. Bei ihnen handelt es sich meist um Thesauren und Bibliographien zur Antike, die die Überlieferungsformen der antiken Kultur ihren Zeitgenossen vermittelten. Die Bilder zeigen beispielsweise Opferriten, Kultorte, Götterikonographien oder Zusammenstellungen diverser Kultgegenstände aus der Antike, dem Judentum oder dem Islam, die an Trompe l’œils erinnern.

Attis-Kult

Im Buch wie an der Atelierwand: Gegenstände des Attis-Kults aus Jacobus Gronovius‘ „Thesaurus Graecarum antiquitatum“ zwischen 1697 und 1702.

Die Rolle von Kunst und Künstlern hinsichtlich des übergeordneten Themas wird in der dritten Ausstellungssektion behandelt. Da es sich bei einem überwiegenden Teil der gezeigten Exponate um Buchillustrationen handelt, fällt eine Unterscheidung zwischen den einzelnen Sektionen alleine von den Objekten her gesehen schwer. Rein visuell unterscheiden sich die Exponate kaum voneinander, hier wie da werden Buchillustrationen oder Textseiten präsentiert, die sich mit Religion und Glauben auseinandersetzen. Die Bedeutung der Bilder innerhalb der Ausstellung werden vornehmlich durch die Sektionstitel vorgegeben. So erschließt sich einem nicht fachlich geschulten Besucher die Poetik und Polemik innerhalb der zeitgenössischen Auseinandersetzung mit fremden Religionen, die in der vierten Sektion beleuchtet werden, nur schwer – weshalb es sich anbietet, das Angebot einer Führung wahrzunehmen.

Den Abschluss der Ausstellung bildet die unter der Überschrift „Erkundung der Welt und ethnographische Interessen“ stehende fünfte Sektion. Zu sehen sind illustrierte Reiseberichte und Atlanten, denen ob der begrenzten Mobilität in der Frühen Neuzeit eine besondere Stellung für die vermittelte Vorstellung von fremden Religionen und Riten zukam. Neben dem Interesse an der Antike zeigt sich hierbei eine gesteigerte Erforschung der Welt außerhalb Europas und ihrer Kulturen. Die Illustrationen zeigen eindrucksvoll wie der Blick auf das Fremde war und wie sich die Eindrücke und Vorstellungen dessen – mitunter bis heute – verbreiteten. Eines der einflussreichsten Projekte waren die Reiseberichte zu Amerika, Asien und Afrika, die im Frankfurter Verlag de Bry bereits über 100 Jahre vor Picarts „Cérémonies“ veröffentlicht wurden. Die Bilder und Motive, die hier die Texte begleiten, wurden in der Folgezeit immer wieder aufgegriffen und trugen maßgeblich zur Vorstellung fremder Kulturen bei. Die Exponate machen die Sicht der damaligen Zeit auf das Fremde deutlich und zeigen die aus heutiger Sicht  unorthodoxen Wege, außereuropäische Kulturen zu betrachten.

Der Niederländer Olfert Dappert beispielsweise begründete aber dennoch mit seinen Schilderungen der afrikanischen Kulturen die Afrikanistik. Eine in der Ausstellung präsentierte Illustration zu seinen Beschreibungen zeigt Bestattungsriten im „Königreich Zenega“. Die Darstellung des Trauerzugs vor einer exotischen Landschaft mit Palmen und einfachen Hütten im Hintergrund enthält neben durch Gestik und Mimik offensichtlich trauernde Afrikaner, an deren Spitze zwei Männer die Leiche zu einem ausgehobenen Grab tragen. Schräg hinter dem Grab stehen mehrere auf Perkussionsinstrumenten spielende Männer. Obwohl Dappert seine niederländische Heimat wohl nie verlassen hatte, liefern seine auf antiken und zeitgenössischen Autoren basierenden Ausführungen eine äußerst umfangreiche Übersicht des verfügbaren Wissens über den afrikanischen Kontinent. Darüber hinaus bezog er sich ebenso auf mündliche Reiseberichte und berücksichtigte diverses Karten- und Bildmaterial. Dabei wurden viele Informationen zu Afrika zum ersten Mal bei Dapper publiziert; teilweise wurden diese 250 Jahre später durch ethnologische Feldforschung bestätigt. Neben Drappers Werk haben auch weitere ausgestellte Texte und Bilder das europäische Afrikabild und die Vorstellungen von rituellen Traditionen der „Götzendiener“ in Afrika lange Zeit geprägt. Die Kuratoren bieten durch ihre Auswahl und Präsentation der Exponate dem Besucher in dieser letzten Sektion eine reizvolle Überprüfung und Erörterung der damaligen Vorstellungen aus heutiger Sicht, die auch dazu anregen kann, über aktuelle Vorstellungen fremder Kulturen, die häufig nur medial vermittelt werden, nachzudenken.

Der „schwarze Kontinent“ im Fokus: Illustration zu Drappers Schilderungen von Bestattungsriten im „Königreich Zenega” aus dem Jahr 1670.

Neben der Ausstellung in den Räumen der Universitätsbibliothek gibt es die Möglichkeit, sich die Exponate samt dazugehöriger Vitrinen- und Exponatstexte am heimischen Computer über die Homepage der UB Heidelberg anzusehen. Nicht nur, dass die insgesamt über 170 Exponate aufgerufen werden können, etliche Bücher aus dem Bestand der UB Heidelberg können zudem als komplett digitalisierte Version online aufgerufen werden. Dadurch ergibt sich die Möglichkeit einer über die Ausstellung hinausgehenden Beschäftigung mit den Exponaten, um sich weitere Einblicke in die Thematik zu verschaffen. Genau das wollen die Initiatoren und Kuratoren der Ausstellung mit ihrem Projekt erreichen, wie die in Heidelberg lehrende Kunsthistorikerin Cornelia Logemann betont: Die Präsentation der Bücher soll Geisteswissenschaftler und Studenten dazu anregen, sich verstärkt mit diesen kulturellen Kostbarkeiten zu beschäftigen.

Diesen Ansatz zeigt auch das gleichnamige Forschungsprojekt unter Leitung Ulrich Pfisterers, der an der Universität München den Lehrstuhl für allgemeine Kunstgeschichte unter besonderer Berücksichtigung der Kunst Italiens inne hat. Die Heidelberger Ausstellung steht in engem Zusammenhang mit diesem Forschungsprojekt. Beide konkretisierten sich gemeinsam über einen längeren Zeitraum, wobei es schwer sei, das eine vom anderen zu trennen, so Pfisterer. Zusammen mit Cornelia Logemann und Maria Effinger erfolgte eine erfolgreiche und fruchtbare Kooperation zwischen Forschung und dem „Wissensspeicher“, der Universitätsbibliothek. Schließlich entstand die objektreiche Schau in den Räumlichkeiten der Heidelberger UB.

Auch wenn die Ausstellung im Spätjahr zu Ende gehen wird, das Gesamtprojekt geht weiter: Voraussichtlich wird dieses Jahr noch ein Workshop stattfinden und ein Publikationsprojekt folgen. Im Katalog zur aktuellen Ausstellung befinden sich neben Texten zu allen Exponaten auch zehn Aufsätze, die diesen besonders interessant machen. Untersucht werden hierbei Aspekte, die über die Ausstellung hinaus gehen und somit die Auseinandersetzung mit Europas Blick auf fremde Religionen in der Frühen Neuzeit vertiefen. In dem folgenden Publikationsprojekt wird das Thema noch stärker kunsthistorisch und in globalen – eben nicht nur europäischen – Perspektiven erarbeitet, wie Pfisterer betont.

„Götterbilder und Götzendiener in der Frühen Neuzeit – Europas Blick auf fremde Religionen“ – Ausstellung in der Universitätsbibliothek Heidelberg bis 25. November 2012. Der Eintritt ist kostenlos. Führungen können bei Interesse mit Cornelia Logemann vereinbart werden (logemann@uni-heidelberg.de). Zur virtuellen Ausstellung.

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